Virtueller Ausstellungskatalog

"Freiheit – Wahrheit – Evangelium" – Reformation in Württemberg

I. Am Ende der Zeiten? Land und Leute um 1500

Titelbild Kapitel 1
Die Eröffnung des fünften und sechsten Siegels (Holzschnitt aus der Apokalypse von Albrecht Dürer, um 1497/98)

Vorlage: Staatsgalerie Stuttgart

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Die Jahrzehnte um 1500, zwischen Mittelalter und Neuzeit, sollten bedeutende gesellschafts- und geistesgeschichtliche Veränderungen mit sich bringen, die sich noch immer als historische Zäsur begreifen lassen: Auch im deutschen Südwesten waren die politischen und geistigen Zentren mit den Fürstenhöfen und den landesherrlichen Universitäten markiert, als wirtschaftliche Mittelpunkte bestimmten die größeren Städte den überregionalen Handel und Verkehr. Gleichzeitig lebte die große Mehrheit der Bevölkerung noch auf dem Land und von der Landwirtschaft, die natürlich auch die Höfe und Städte zu versorgen hatte.

Die Abhängigkeit von den klimatischen Entwicklungen war damals essenziell: Mit dem Beginn der sogenannten "Kleinen Eiszeit" im späten Mittelalter waren die Durchschnittstemperaturen in Mitteleuropa spürbar zurückgegangen; lange Winter, verregnete Sommer und Unwetterkatastrophen häuften sich. Ernteausfälle waren vielfach die Folge und verstärkten die Krisenstimmung gerade beim einfachen Volk.

Der weithin wachsende herrschaftliche Druck ging besonders im deutschen Südwesten mit Unruhen unter der bäuerlichen Bevölkerung einher – die mehrfachen Aufstände des "Bundschuh" am Oberrhein und des "Armen Konrad" in Württemberg 1514 stehen dafür. Aber nicht nur für die "armen Leute", auch unter Bürgern, Adel und Geistlichkeit herrschte eine gedrückte, verängstigte Stimmung. Weltliche und geistliche Autoritäten, Kaiser und Papst, standen vielfach in der Kritik; offene Gewalt, kirchliche Missstände und herrschaftliche Willkür bestimmten die Szene. Die Endzeiterwartung der Zeitgenossen äußerte sich vielfältig in Prophetien und künstlerischer Darstellung; die biblische Apokalypse wird zu einem Schlüsselthema der Zeit.