"Tötung in einer Minute." Quellen zur Euthanasie im Staatsarchiv Ludwigsburg.

Juristische Aufarbeitung nach 1945 II

Mitschrift der Vernehmung und Fahndungsschreiben von Dr. phil. August Becker

Dr. phil. August Becker wurde am 17. August 1900 geboren und starb im Jahr 1967. Der Chemiker war seit 1931 Mitglied der SS, wurde 1938 nach Berlin in das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) versetzt und spielte in der "Aktion T4" eine bedeutende Rolle: Als Gasflaschenlieferer hatte er den Auftrag, das CO-Gas bei der BASF in Ludwigshafen abzuholen um sie anschließend zu den einzelnen Tötungsanstalten zu bringen. Nach Zeugenaussagen nahm er die erste Vergasung im Januar 1940 in der Heilsanstalt Brandenburg bei Berlin, die als "Probevergasung" bekannt ist, selbst vor. Dies widerspricht jedoch seiner eigenen Aussage, "die erste Vergasung wurde durch den Dr. Widmann persönlich durchgeführt. Er bediente den Gashebel und regulierte die Gasmenge." Bei dieser Vergasung wurden innerhalb einer Minute zwischen 18 und 20 Menschen getötet, deren Leichen anschließend verbrannt wurden. Bei der zweiten Vergasung in Brandenburg war Becker jedoch aktiv beteiligt: "Ich sprang als Gasfachmann hinzu und habe durch die Regulierung des Manometers die Gasfuhr so geregelt, dass eine genügende Menge Gas in den Raum kam und die Tötung durchgeführt werden konnte."

Unbestritten ist jedoch, dass Becker in Grafeneck anfangs selbst die Vergasungsanlage bediente: "In Grafeneck habe ich die Leitung und die Unterrichtung des Bedienungspersonals durchgeführt. Ich hatte dort die Leitung bei ein oder zwei Versuchen, nachher konnte es Dr. Schumann in eigener Zuständigkeit alleine ausführen." Bei der ersten Vergasung in Grafeneck durch August Becker wurden 20 Menschen getötet. Nach eigenen Aussagen sei er sich damals "vollkommen darüber klar" gewesen, dass "diese Tötung illegal war." Trotzdem ließ er sich durch Viktor Brack "beruhigen", ein Gesetz würde später die Tötung dieser Menschen legalisieren.

Nach dem Ende der "Aktion T4" im Sommer 1941 wurde Becker gleich im Anschluss mit der Durchführung und Inspektion der Vergasungsaktionen im Osten beauftragt. 1943 wurde er zum SS - Obersturmführer befördert.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges musste sich auch der als "Chemiker von Grafeneck" an der Entwicklung des Giftgases und an dessen Einsatz beteiligte Dr. August Becker vor Gericht verantworten. Er wurde schließlich zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt, die er jedoch aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes nicht vollständig abzusitzen hatte.

Unten ist die Mitschrift der Vernehmung Beckers aus dem Jahr 1960 sowie das Fahndungsschreiben des Landeskriminalamtes in Baden - Württemberg vom 16. Juni 1967 abgebildet.

Staatsarchiv Ludwigsburg EL 317 III Bü 51