"Tötung in einer Minute." Quellen zur Euthanasie im Staatsarchiv Ludwigsburg.

Euthanasie - Krankenmorde in Grafeneck III

Bericht des Leiters der Heilanstalt Winnental, Dr. med. Otto Gutekunst, an die amerikanische Militärregierung über die Verlegung von Kranken nach Grafeneck:

Ende 1939 musste die Heilanstalt Winnental im Auftrag von Dr. Linden für jeden ihrer Patienten einen Meldebogen ausfüllen. Am 16. Februar 1940 wurde Gutekunst von dem Württembergische Ministerialrat Dr. Eugen Stähle in die "Aktion - T4" eingeweiht und somit über den eigentlichen Zweck der Meldebogen - welcher ihm bis zu diesem Zeitpunkt nicht klar war - informiert.

Am 30. Mai 1940 war die erste "Verlegung" aus der Heilanstalt Winnental. Die 90 Opfer wurden von drei grauen Bussen abgeholt und direkt nach Grafeneck gebracht. Ihre Kleider, Akten und Krankheitsgeschichten - wertvolle wissenschaftliche Dokumente, die man später vernichtet hat - wurden nach Grafeneck mitgenommen. Es folgten "Verlegungen" nach Grafeneck am 3. Juni, am 11. Juni und am 24. Juni 1940.

Von den ersten "Verlegungen" waren vor allem Kranke betroffen, die an "Schwachsinn, Endzuständen von Schizophrenien und anderen Psychosen litten, das heißt blöde, unheilbar und zu keiner geordneten Arbeit zu verwenden waren". Zum Unverständnis von Gutekunst wurden danach Patienten "verlegt", die "geistig noch besonnen, nicht verblödet und brauchbare Arbeiter waren". Gutekunst gelang es, jeweils 10 bis 15 Opfer vor den ersten "Verlegungen" zu retten, bei den letzten beiden konnte er sogar einen großen Teil zurückhalten: Statt 85 - 90 Kranke, wurden am 23. Juli 39 und am 29. November 61 "verlegt".

Auf Grund seiner Rettungsaktionen musste sich Gutekunst bei Dr. Stähle verantworten, der Gutenkunsts Einwände akzeptierte. Nach dem 29. November wurden aus Winnental keine Patienten mehr nach Grafeneck "verlegt".

Schließlich betonte Gutekunst, dass die "Verlegungen" von ihm, als auch von den Ärzten und dem Pflegepersonal der Heilanstalt Winnental als eine "Kulturschande" angesehen wurden. Gutekunst nahm an, dass die Nationalsozialisten vor allem wirtschaftliche Gründe für die "Euthanasie" - Aktion hatten. So konnte zum Beispiel gespart werden, indem die Betreuung für die Kranken weg fiel oder ihre Nahrung reduziert wurde. Gutekunst wusste auch von den nationalsozialistischen Absichten, durch die Euthanasie den "Volkskörper zu reinigen" und ihn "rassisch aufzuwerten". Außerdem hatte das NS - Regime geplant, die frei gewordenen Räumlichkeiten der Anstalten für eigene Zwecke zu nutzen.

Die Reaktion der Angehörigen war laut Gutekunst unterschiedlich: Die einen sahen den Tod ihrer Verwandten tatsächlich als Erlösung, andere waren hingegen sehr bestürzt. Alle waren jedoch darüber empört, wie sie über den Tod ihres Verwandten informiert wurden. Die Gründe für das Beenden der "Verlegungen" nach Grafeneck im März 1941 sah Gutekunst zum einen im zunehmenden Widerstand als auch in der zunehmenden Feindpropaganda. Die durch die "Verlegungen" frei gewordenen Betten, wurden durch Neuaufnahmen wieder belegt. Ende 1941 waren sogar 13 Patienten mehr in der Heilanstalt Winnental, als vor der "Euthanasie" - Aktion.

22. Juli 1945 (Staatsarchiv Ludwigsburg EL 902/24 Bü 49/60/1881)