Von Mantua nach Württemberg: Barbara Gonzaga und ihr Hof

VIII. Barbara Gonzaga: Memoria und Mythos

Als Herzog Christoph von Württemberg im Jahr 1551 die Grablege der Herzogsfamilie in die Stiftskirche nach Tübingen verlegen wollte, war der Leichnam der Barbara Gonzaga nicht mehr aufzufinden: Die Kirche des Dominikanerinnenklosters in Kirchheim unter Teck, wo Barbara bestattet lag, war bereits 1537 abgerissen worden. Ihr Sarg wurde damals neben anderen ausgegraben und geöffnet, ihre Gebeine wurden den dort nach der Reformation des Klosters noch verbliebenen Nonnen übergeben – und damit verlief sich ihre Spur.

Barbaras liturgisches Gedenken, wofür sie gut gesorgt hatte, hatte sich mit der Einführung der Reformation in Württemberg aufgelöst. Die Erinnerung an die erste Herzogin von Württemberg wurde schon bald von den württembergischen Geschichtsschreibern zu einer Art "Mythos" stilisiert: Ihre Häuslichkeit, ihre Natur- und Menschenliebe werden neben ihrer beeindruckenden Dickleibigkeit angeführt, um sie als Gemahlin des hochverehrten Herzogs Eberhard im Bart zu profilieren, dessen Schatten sie freilich kaum verlässt. Daneben erscheinen ihre bildlichen Darstellungen von unterschiedlichen Vorlagen und Traditionen geprägt, die ihr bis ins 19. Jahrhundert nur eine zweifelhafte, idealisierte Erinnerung im Hause Württemberg sichern. Auch in Mantua sollte die Erinnerung an Barbara Gonzaga, die ferne Verwandte, in ihrer Familie bald verblassen. Freilich hielt sie das Familienbild von Mantegna in der "Camera degli sposi" vor Ort präsent, doch auch dessen Deutung wurde zunehmend ungewisser und konnte erst jetzt wieder wissenschaftlich weitgehend gesichert werden. In Württemberg ließen ihre sagenhafte Volksnähe und historische Bedeutung Barbara in den letzten Jahrzehnten wieder verstärkte Aufmerksamkeit in den Formen moderner Erinnerungskultur zukommen. Diese führen die romantisierenden Darstellungen des Historismus weiter, wie er sich der Figur Barbara Gonzagas auch in der modernen Unterhaltungsliteratur angenommen hat. Ihre Anziehungskraft erscheint ungebrochen.

Bildliche Darstellungen von Barbara Gonzaga, die zu ihren Lebzeiten gefertigt wurden, sind nur zwei bekannt: ihr großartiges Porträt von Andrea Mantegna in der "Camera degli Sposi" in Mantua (um 1470) sowie ihre (zweifache) Darstellung als Glasmalerei in den Chorfenstern der Tübinger Stiftskirche von Peter Hemmel von Andlau (um 1476/78). Dabei kann das Werk Mantegnas sicher die weit größere Authentizität und eine realistische Wiedergabe beanspruchen; Barbaras Tübinger Glasbildnisse erscheinen stark idealisiert. Von der Tübinger Glasmalerei hängen offenbar die meisten späteren bildlichen Darstellungen der Barbara Gonzaga ab, welche diese meist ausschnitthaft kopieren, wie vor allem die Porträtmedaillons aus dem Umfeld des Tübinger Schlosshauptmanns Nikolaus Ochsenbach († 1626) zeigen.

Daneben gibt es eine weitere, bisher unbeachtete Bildtradition für Barbara Gonzaga: Auf einem Pergamentblatt aus dem späten 16. Jahrhundert wird Barbara neben ihrem Mann Eberhard im Bart als Halbfigur dargestellt, mit deutlichen Unterschieden zu den Tübinger Bildern in Komposition und Ausdruck. Diese offenbar ebenfalls auf eine ältere Vorlage zurückgehende Darstellung findet sich daneben wieder in einer Federzeichnung, die einer Handschrift des württembergischen Geschichtsschreibers Simon Studion von 1583/84 über das Haus Württemberg beigefügt wurde und lässt sich bis ins 19. Jahrhundert verfolgen.

Kette Barbara Gonzaga

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Um 1846
Gold, 10 Diamanten, 1 Saphir, 1 Smaragd, 1 Granat, 2 Rubine, 1 Orientperltropfen
Anhänger: 10 cm lang, 4,6 cm breit; Perle: 1,1 cm lang, 0,9 cm breit
Kette: 48 cm lang
Landesmuseum Württemberg NN 350