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30.08.2021

Prüfungsakte von Preußens erster Abiturientin online

Wegscheider Abitur Planimetrie (StAS)
Detail aus der schriftlichen Abiturprüfung Hildegard Zieglers im Fach Mathematik.
Vorlage: Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Sigmaringen Ho 339 A T 1 Nr. 344

Hildegard Wegscheider war Preußens erste Abiturientin. Vor 150 Jahren, am 2. September 1871, wurde sie als Hildegard Ziegler in Berlin geboren. Unter diesem Namen erlangte sie am 8. August 1895 am "Königlichen Gymnasium zu Sigmaringen" als erste Frau im damaligen Königreich Preußen das "Zeugnis der Reife". Zum 150. Geburtstag der späteren Frauenrechtlerin, Politikerin und Schulreformerin gibt das Bundesfinanzministerium sogar ein Sonderpostwertzeichen heraus. Das Staatsarchiv Sigmaringen hat das Jubiläum zum Anlass genommen, ihre Prüfungsakte als recht frühes Zeugnis emanzipatorischer Bestrebungen in Deutschland im Internet zu veröffentlichen.

Der Weg zur Reifeprüfung war für die engagierte junge Frau alles andere als unkompliziert. Dem Abschluss der höheren Töchterschule im schlesischen Liegnitz folgte das Lehrerinnenexamen in Breslau, das sie zum Unterricht an mittleren und höheren Mädchenschulen befähigte. Die Universität Zürich ließ sie im Oktober 1893 als ordentliche Hörerin an der Philosophischen Fakultät zu, wo sie Vorlesungen in Geschichte, Philosophie, Englisch und Latein besuchte. Lateinisch und Griechisch brachte sie sich nebenher selbst bei, für Mathematik und Physik nahm sie Privatunterricht. Von Zürich aus wagte sie schließlich den Schritt zur allgemeinen Hochschulreife, die ihr ein Studium in der Heimat ermöglichen sollte. Das nächste preußische Gymnasium lag von Zürich aus gesehen in Sigmaringen an der oberen Donau. Die Zulassung zur Abitur-Prüfung, die zeitlich versetzt zu den Terminen und ohne Teilnahme am regulären Unterricht ihrer männlichen Prüfungsgenossen erfolgte, ließ angesichts ihrer guten Leistungen nicht lange auf sich warten. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Der Deutsch-Aufsatz zeigte nach Ausweis des Prüfers "eine ungewöhnliche geistige Reife der Verfasserin und eine löbliche stilistische Gewandtheit und verdient[e] daher das Prädikat Sehr gut".

Ihr weiterer Lebensweg führte sie zum Studium nach Halle an der Saale, wo sie den Doktorgrad erlangte. Als Gymnasiallehrerin und Oberschulrätin war sie Abgeordnete des preußischen Landtags und engagierte sich nach ihrer Entfernung aus dem Schuldienst durch die Nationalsozialisten für politisch und rassisch Verfolgte. In Berlin ist ein Gymnasium nach der mutigen Frau benannt.

Die Details zur Abiturientin Hildegard Ziegler können ab sofort online in ihrer Prüfungsakte erkundet werden. Das Original wird im Bestand "Staatliches Gymnasium Sigmaringen" unter der Bestellsignatur Ho 339 A T 1 Nr. 344 verwahrt.

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