Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter
Während des Zweiten Weltkriegs wurden im nationalsozialistischen Deutschland ca. 13 Millionen Menschen zur Zwangsarbeit verpflichtet. Eingesetzt wurden sie u. a. in der Rüstungsindustrie, im Bergbau, der Bauindustrie, in der Land- und Forstwirtschaft aber auch in kleinen Familienunternehmen, staatlichen Behörden, Privathaushalten und Konzentrationslagern.
Durch die Einrichtung der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (EVZ) im Jahr 2000 wurde der Blick der Öffentlichkeit auf das Schicksal der Überlebenden der NS-Zwangsarbeit gelenkt. Die Entschädigung der ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter erfolgte bis 2007. Aber auch weiterhin besteht ein großes persönliches und wissenschaftliches Interesse, mehr über die Lebensläufe dieser Menschen zu erfahren. Unterlagen zur Zwangsarbeit haben sich in vielen verschiedenen Archiven und Einrichtungen erhalten. Dieser Rechercheratgeber hilft Ihnen bei der Suche nach Informationen.
Welche Informationen benötigen Sie, um mit der Suche beginnen zu können?
Sie benötigen zu der gesuchten Person
- den Namen (oder Geburtsnamen),
- das Geburtsdatum sowie
- möglichst genaue Informationen zum Ort der Zwangsarbeit bzw. zur Haftstätte.
Orte können Sie z.B. im "Haftstättenverzeichnis" der Stiftung EVZ recherchieren.
In der Datenbank zu Displaced Persons-Camps, in denen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs u. a. ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter untergebracht wurden, können Sie nach Aufenthaltsorten ab 1945 suchen: Datenbank zu Displaced Persons-Camps
Beginnen Sie Ihre Suche bei den Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution
Die zentrale Anlaufstelle für Informationen zu Häftlingen sowie Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern während der NS-Zeit sind die Arolsen Archives. Das bis 2019 unter dem Namen „Internationaler Suchdienst“ firmierende internationale Zentrum über NS-Verfolgung enthält Hinweise zu ca. 17 Millionen Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus. Die Überlieferung der Arolsen Archives umfasst Dokumente zu Konzentrationslagern und Ghettos, zur Zwangsarbeit wie auch zu Displaced Persons.
Ein großer Teil der Bestände ist bereits im Online-Archiv der Arolsen Archives verfügbar: Online-Archiv der Arolsen Archives
Falls Ihre Suche im Online-Archiv der Arolsen Archives nicht erfolgreich war, verwenden Sie nachfolgendes Anfrageformular: Anfrageformular der Arolsen Archives
Welche Unterlagen können Sie im Landesarchiv Baden-Württemberg finden?
Einen geschlossenen Bestand zum Thema „Zwangsarbeit“ gibt es im Landesarchiv Baden-Württemberg nicht. Vielmehr lassen sich in verschiedenen Beständen des Landesarchivs Informationen zur NS-Zwangsarbeit finden. Dabei handelt es sich in erster Linie um Verwaltungsunterlagen aus der NS-Zeit, die Hinweise auf Zwangsarbeit enthalten können. Zudem haben sich umfangreiche Dokumentationen und Listen, die im Auftrag der Besatzungsmächte nach 1945 zur Nachforschung über Zivil- und Militärangehörige angefertigt wurden, erhalten. Überliefert sind auch Unterlagen der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK). Vielmals unterliegen die personenbezogenen Unterlagen zur Zwangsarbeit noch Schutzfristen und können daher nicht frei eingesehen werden. In diesen Fällen muss ein Antrag auf Schutzfristenverkürzung gestellt werden.
Je nachdem, wo die gesuchte Person zur Zwangsarbeit eingesetzt war, können Sie sich an den zuständigen Standort des Landesarchivs wenden:
Zu den einschlägigsten Quellen im Landesarchiv Baden-Württemberg zählen u. a.
- die überlieferten „Ausländerverzeichnisse“ und „Fremd- und Zwangsarbeiterkarteien“ der Bezirks- und Landratsämter bzw. Landkreise,
- Listen zu den in den Betrieben tätigen ausländischen Arbeitern und Arbeiterinnen,
- die sogenannten Hebelisten und Mitgliederkarteien der AOK,
- Gefangenen- und Strafakten,
- Unterlagen von Forst- und Landwirtschaftsämtern,
- Wiedergutmachungsakten von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern,
- Entnazifizierungsunterlagen von Fabrikanten, Kaufleuten und Unternehmern sowie
- Ermittlungs- und Prozessakten zum „verbotenen Umgang mit Kriegsgefangenen“.
In aller Regel können diese Unterlagen ein paar wenige biografische Angaben sowie einen Nachweis über die Zwangsarbeit enthalten. Die „Vielgestaltigkeit der Lebensbedingungen“ (Ulrich Herbert) der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter spiegelt sich in den eben aufgeführten Archivalien des Landesarchivs nur in Ausnahmen wider. Sogenannte Egodokumente – wie beispielsweise Tagebücher oder Briefe – befinden sich nur in Ausnahmefällen im Landesarchiv Baden-Württemberg.
Die Unterlagen zur Zwangsarbeit sind in aller Regel nicht nach den Namen der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter erschlossen, auch wenn sie Informationen zu einzelnen Personen enthalten. Einige Standorte des Landesarchivs haben deshalb spezielle Inventare und Datenbanken zu Unterlagen über ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter erstellt:
- Das Generallandesarchiv Karlsruhe verfügt über eine interne Datenbank zu den wichtigsten Beständen mit Zwangsarbeiternachweisen, in der Sie im Lesesaal des GLAK recherchieren können.
- Einen Überblick zu den Unterlagen über ehemalige NS-Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Staatsarchiv Ludwigsburg bietet nachfolgende Liste: Unterlagen über ehemalige NS-Zwangsarbeiter im Staatsarchiv Ludwigsburg
- Ein Inventar zu Zwangsarbeiternachweisen im Staatsarchiv Sigmaringen finden Sie hier: Inventar zu Zwangsarbeiternachweisen im Staatsarchiv Sigmaringen
- Das Staatsarchiv Freiburg verfügt über eine interne Datenbank zu Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern.
- Eine Übersicht über Quellen zur Zwangsarbeit im Hauptstaatsarchiv Stuttgart finden Sie hier: Quellen zur Zwangsarbeit im Hauptstaatsarchiv Stuttgart
Wenn Sie über diese Recherchewege interessante Unterlagen ermittelt haben, können Sie diese zur Einsichtnahme in den Lesesaal bestellen oder sich für weitere Informationen an die jeweiligen Standorte wenden.
Datenbank Kriegsgräberlisten:
Nicht nur Soldaten wurden in Kriegsgräbern bestattet, sondern auch viele Opfer des nationalsozialistischen Terrors, u.a. Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Die Kriegsgräberlisten führen alle bekannten Kriegsgräber in Baden-Württemberg aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg auf.
Das Findbuch zu den Kriegsgräberlisten finden Sie hier: Findbuch LABW, StAL EL 20/1 VI
In einem Mitmach-Projekt mit dem Verein für Computergenealogie wurde ein Namensindex zu den Kriegsgräberlisten erstellt. Diesen finden Sie hier: Kriegsgräberlisten Baden-Württemberg
Krankenkassen:
Die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter waren in aller Regel pflichtversichert. Darum können sich Aufzeichnungen bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK), bei den Betriebskrankenkassen (BKKs) und Innungskrankenkassen (IKKs) erhalten haben.
Die nicht vollständig überlieferten Hebelisten und Mitgliederkarteien der AOK aus den Jahren 1939 bis 1949 werden in den Sprengelarchiven des Landesarchivs Baden-Württemberg aufbewahrt. Ein Gros des Archivguts ist jedoch noch nicht erschlossen und zum Schutz der Betroffenen auch nur teilweise in unserem Online-Katalog auffindbar.
Bei den BKKs und IKKs gestaltet sich die Überlieferungssituation verschieden, weshalb immer im Einzelfall geklärt werden muss, ob und wo noch Unterlagen vorhanden sind.
Wenn die Suche in unserem Online-Findmittelsystem keine Ergebnisse liefert, wenden Sie sich an den zuständigen Standort.
Welche Informationen können Sie in anderen Archiven finden?
Kreis- und Kommunalarchive
Wichtige Dokumente zu Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern befinden sich in den Kreis- und Kommunalarchiven. Diese können Sie hier recherchieren: Archive in Baden-Württemberg
Firmen- und Wirtschaftsarchive
Neben den Behörden, Gerichten und sonstigen Stellen des Landes ist vor allem auf die Überlieferung der Unternehmen hinzuweisen. Auch in den betroffenen Firmen können sich Unterlagen zur Zwangsarbeit erhalten haben. Diese befinden sich heute meist in den jeweiligen Firmenarchiven oder in überregionalen Wirtschaftsarchiven.
Für Baden-Württemberg ist das Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg zuständig: Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg
Bundesarchiv:
Auch das Bundesarchiv verwahrt einschlägige Unterlagen zum Thema Zwangsarbeit: Kontaktformular des Bundesarchivs
Das Bundesarchiv hat zudem das Portal "Zwangsarbeit im NS-Staat" aufgebaut, das umfangreiche Informationen zum Thema, Literaturempfehlungen sowie Hinweise auf Archive bietet: Portal „Zwangsarbeit im NS-Staat“
Wussten Sie schon?
Das digitale Archiv "Zwangsarbeit 1933–1945. Erinnerung und Geschichte" bewahrt die Erinnerung an die ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Grundlage bildet eine umfangreiche Sammlung von Zeitzeugen-Interviews, die im Rahmen eines Projekts entstanden und online abrufbar sind. Dazu werden Materialien für den Unterricht angeboten: Online-Archiv „Zwangsarbeit 1933–1945. Erinnerung und Geschichte“
Das Bildungsportal „NS-Zwangsarbeit“ umfasst historische Informationen, Materialien und Bildungsangebote. Zudem stellt es verschiedene Lern- und Erinnerungsorte vor. Es haben sich 20 Lern- und Erinnerungsorte zusammengeschlossen, um ihre Erfahrungen und Arbeitsergebnisse online zur Verfügung zu stellen. Das Portal richtet sich an einen jüngeren Personenkreis, ist aber auch für all diejenigen interessant, die sich neu mit diesem Kapitel beschäftigen möchten. Es ermöglicht mit grundlegenden Informationen einen niederschwelligen und leicht verständlichen Zugang zu den historischen Sachverhalten. Als weiterer Schwerpunkt stehen Materialien für die Bildungsarbeit, Tipps für Veranstaltungen sowie Angaben zu Projektergebnissen bzw. laufenden Projekten zur Verfügung. Dazu gehören Quellensammlungen, insbesondere Biografien, persönliche Dokumente und Interviews mit Betroffenen, auch in audiovisueller Form: Bildungsportal „NS-Zwangsarbeit“
Haben Sie Fragen oder Anregungen?
Schreiben Sie uns gerne bei Fragen und Kritik zu den Rechercheratgebern eine E-Mail