Musikalische Fragmente

II. Choralreformen

Einerseits hat man das alte Repertoire des Chorals sorgfältig tradiert; andererseits wollte man die Tradition immer wieder von tatsächlich eingetretenen oder auch nur vermeintlichen Fehlern reinigen. Bei der Feier der Liturgie stand man in conspectu angelorum (im Angesicht der Engel, so der hl. Benedikt), und da war ein Fehler ein Vergehen gegen die göttliche Ordnung. Fehler in den Gesängen bemerkte man, wenn man den Melodieverlauf nach den Regeln der Musiktheorie überprüfte. Dies war kein intellektuelles Spiel, sondern zwingende Verantwortung.

Nahezu alle bedeutenden Reformäbte des Mittelalters haben sich deshalb um Choralreform und Musiktheorie gekümmert, so etwa Bern von der Reichenau und Wilhelm von Hirsau. Besonders gründlich arbeiteten die Zisterzienser. Die Unstimmigkeiten, die sie in der Überlieferung feststellten, bewogen sie dazu, das gesamte Repertoire nach einheitlichen theoretischen Richtlinien neu zu redigieren. Der neu gefasste Choral ist eine vergleichbar bedeutende Leistung des Ordens wie seine Architektur.