Musikalische Fragmente

II. Choralreformen

Einerseits hat man das alte Repertoire des Chorals sorgfältig tradiert; andererseits wollte man die Tradition immer wieder von tatsächlich eingetretenen oder auch nur vermeintlichen Fehlern reinigen. Bei der Feier der Liturgie stand man in conspectu angelorum (im Angesicht der Engel, so der hl. Benedikt), und da war ein Fehler ein Vergehen gegen die göttliche Ordnung. Fehler in den Gesängen bemerkte man, wenn man den Melodieverlauf nach den Regeln der Musiktheorie überprüfte. Dies war kein intellektuelles Spiel, sondern zwingende Verantwortung.

Nahezu alle bedeutenden Reformäbte des Mittelalters haben sich deshalb um Choralreform und Musiktheorie gekümmert, so etwa Bern von der Reichenau und Wilhelm von Hirsau. Besonders gründlich arbeiteten die Zisterzienser. Die Unstimmigkeiten, die sie in der Überlieferung feststellten, bewogen sie dazu, das gesamte Repertoire nach einheitlichen theoretischen Richtlinien neu zu redigieren. Der neu gefasste Choral ist eine vergleichbar bedeutende Leistung des Ordens wie seine Architektur.

Die Reform in den Klöstern Hirsau und Comburg

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Hirsau, Abbildung eines Flügelaltars, um 1480

Kloster Hirsau

Hirsau war im 11. Jahrhundert ein bedeutendes Reformkloster, und die entscheidende Persönlichkeit war der Abt Wilhelm. 1026 geboren, kam er früh in das Kloster St. Emmeram in Regensburg und wurde dort Schüler des berühmten Gelehrten Othloh. 1062 wechselte er nach Hirsau, um das Kloster St. Aurelius zu reformieren. 1071 wurde er zum Abt geweiht. Sein Mitbruder aus Regensburg Ulrich von Zell (1029–1093), der 1061 in das burgundische Reformkloster Cluny eingetreten war, verschaffte ihm eine Abschrift der dortigen Mönchsregeln, die Wilhelm zum Vorbild seiner eigenen, für Hirsau gültigen Regeln nahm. Er sandte auch Mönche von Hirsau nach Cluny. 1082 begann er mit dem Bau der Kirche St. Peter und Paul, die in seinem Todesjahr 1091 fertiggestellt wurde. Sein Biograf Haymo von Hirsau berichtet: Er war sehr erfahren in der Musica und erhellte viele schwierige Probleme dieser Wissenschaft, die den alten Gelehrten unbekannt waren. Viele Irrtümer, die man in den Gesängen festgestellt hatte, korrigierte er gemäß den Vernunftgründen der Wissenschaft.

Leider gibt es nur wenige Spuren, die auf die Choralpflege in Hirsau selbst hindeuten. Die gewichtigste ist eine Lehrschrift von Wilhelm mit dem Titel Musica, die in fünf Handschriften des 11. und 12. Jahrhunderts ganz oder teilweise überliefert ist. Die Schrift bietet eine neue Begründung der Kirchentonlehre. Da die Bibliothek des Klosters zerstreut wurde, sind keinerlei vollständige Choralhandschriften erhalten. Lediglich vier Überreste von Handschriften sind erhalten, weil sie im 15. und 16. Jahrhundert zu Bucheinbänden verarbeitet wurden.

 

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Stift Comburg, Kartenausschnitt, handkolorierte Federzeichnung, um 1570, HStAS N 11 Nr. 33 (jetzt StA Würzburg)

Kloster Groß-Comburg

Das Kloster Groß-Comburg wurde 1078 gegründet und die Klosterkirche zehn Jahre später geweiht. Das Kloster geriet bald unter den Einfluss von Hirsau. Der zweite Abt Gunther (nach 1086 – vor 1109) war Mönch in Hirsau unter Abt Wilhelm gewesen, und in der Biographie Wilhelms heißt es, er habe neben Schaffhausen und Petershausen auch die Comburg "wiederhergestellt".

Eine Blütezeit erlebte das Kloster unter dem dritten Abt Hertwig (1109–1149). Er stiftete den großen Radleuchter und das Antependium, beides bedeutende Zeugnisse romanischer Kunst. 1140 feierte König Konrad III. das Weihnachtsfest auf der Comburg. Um diese Zeit wird wohl die repräsentative Zusammenfassung der Messliturgie vorgenommen worden sein.

Im 14. Jahrhundert kam es zu einem raschen Niedergang. Im 15. Jahrhundert verweigerten die Mönche eine Reform, und 1488 wurde das Kloster in ein weltliches Chorherrenstift umgewandelt.

Die Zisterzienser

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Die ehemalige Zisterzienserabtei Maulbronn, Kolorierte Federzeichnung von A. Kieser, 1683, Ausschnitt, HStAS H 107/16 Nr. 5 Bl. 7

Maulbronn

Um 1130 gründeten Zisterziensermönche aus dem Kloster Neuburg im Elsass das Kloster in Eckenweiher bei Vaihingen an der Enz. Doch erst nach der Verlegung des Konvents 1147 in das nahe gelegene Maulbronn konnte sich die Abtei etablieren und entwickeln. Bis zum Ende des Mittelalters hatte das Kloster ein geschlossenes Territorium aufgebaut und war so wohlhabend, dass es die Schulden des elsässischen Klosters Pairis übernehmen konnte und dieses inkorporierte. Der Konvent zählte im 15. Jahrhundert zeitweise über 100 Konventualen.

Auch innerhalb des Zisterzienserordens nahm die Abtei eine bedeutende Stellung ein. Neben Bronnbach waren dem Konvent sechs Frauenklöster unterstellt. Maulbronner Äbte übernahmen besonders im frühen 15. Jahrhundert herausragende Funktionen innerhalb des Ordens. Von der einst bedeutenden Bibliothek des Klosters ist nur wenig überliefert. Neben einem Antiphonar von 1449 finden sich in Stuttgart und Colmar zwei weitere Gradualien, die möglicherweise ebenfalls dem Maulbronner Skriptorium zuzuweisen sind.

 

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Die Zisterzienserabtei Bebenhausen, Kolorierte Federzeichnung von A. Kieser, 1683, Ausschnitt, HStAS H 107/18 Nr. 52 Bl. 17

Bebenhausen

1185 stiftete der Pfalzgraf Rudolf von Tübingen das Kloster in Bebenhausen. Die Abtei gelangte zu rascher Blüte. Dank einer reichen Ausstattung, bedeutenden Schenkungen und einer konsequenten Erwerbspolitik verfügte die Abtei über umfangreichen Besitz: Von allen Benediktiner- und Zisterzienserklöstern im Bistum Konstanz leistete es die höchsten Steuern und Abgaben.

Nach der Auflösung des Konvents im Zuge der Reformation nach 1534 wurde die einst umfangreiche Bibliothek aufgelöst und zerstört. Doch gelang es, einen Teil des Bestandes zu flüchten, so dass sich heute einige liturgische Handschriften in Colmar und Stuttgart befinden.

 

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Bootsfahrt des Abtes Stantenat von Salem auf dem Bodensee, UB Heidelberg, Cod. Salem. IX d, Bl. 152r, Ausschnitt

Salem

Das Kloster Salem, durch Guntram von Adelsreute in Salmannsweiler im Linzgau gestiftet, wurde 1137/38 von Zisterziensermönchen aus dem Elsass errichtet. Das rasche Wachstum des Konvents, zahlreiche Tochterklöster und umfangreiche Schenkungen weisen auf das hohe Ansehen und die wirtschaftliche Prosperität der Abtei. Bereits 1142 von den Staufern unter königlichen Schutz gestellt, erlangte es 1487 die Reichsfreiheit.

Mit 16 allein aus dem Spätmittelalter erhaltenen liturgischen Handschriften bietet sich für Salem eine erstaunlich gute Überlieferungslage, worunter etwa das sogenannte "Abtsbrevier" von besonderer Bedeutung ist.