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Archivale des Monats September 2001

Eine französische Verssatire auf den Streit um die Reformation

Der Kaiser, Frankreich und Württemberg im Streit um die Reformation

Das frühe 16. Jahrhundert als Zeitalter der Reformation war geprägt vom Streit um die Reform der Kirche. Das Wirken der großen Reformatoren - in Deutschland Luther, in Frankreich und der Schweiz Calvin und Zwingli - sollte schließlich zur Kirchenspaltung und Etablierung der protestantischen Konfessionen im Deutschen Reich führen.

Reichspolitisch betrachtet, waren die Jahrzehnte zwischen 1520 und 1550 vom Konflikt Kaiser Karls V. mit König Franz I. von Frankreich überschattet, der zu wiederholten Kriegen führte. Der Kaiser aus dem Haus Habsburg und sein Bruder, König Ferdinand, der von 1522 bis 1534 auch Württemberg regierte, waren altgläubig geblieben und darauf bedacht, die reformatorische Bewegung niederzuhalten.

Die Handschrift: "Epistre de l'asne au coq"

In Württemberg allerdings führte Herzog Ulrich, der 1534 u.a. mit französischer Unterstützung sein Herzogtum von den Habsburgern zurückgewinnen konnte, alsbald die Reformation ein. Der französische König hingegen, an dessen Hof sich nun Ulrichs Sohn Christoph aufhielt, wandte sich bald darauf strikt gegen die Protestanten im eigenen Land und ging mit aller Härte gegen die "Ketzer" vor. Gleichzeitig schloss er ein Bündnis mit dem türkischen Sultan, das ihn als Koalitionspartner für die protestantischen Länder vollends unmöglich machte. Die Türkengefahr, der Konflikt mit Frankreich und die Erhaltung der kirchlichen Einheit beschäftigten als die zentralen politischen Probleme die Zeitgenossen.

Das Mandat Kaiser Karls V. für Herzog Christoph von Württemberg

Nachdem sich auch der zunächst altgläubig gebliebene Herzog Christoph von Württemberg um 1540 der Reformation Luthers zugewandt hatte, setzt ihn sein Vater Ulrich 1542 als Statthalter über die linksrheinische Grafschaft Mömpelgard ein, die vom Kaiser zu Lehen ging. Hier geriet er bald in Konflikt mit seinem ehemaligen Gönner und übermächtigen Nachbarn König Franz I. von Frankreich. Schließlich gelang es Christoph - den Konflikt des Kaisers mit dem französischen König ausnutzend - von Karl V. ein Mandat zur Eintreibung der französischen Schulden zu erhalten. Während des Reichstags, der im Mai 1544 in Speyer stattfand, um den Religionsfrieden im Reich aufrecht zu erhalten und Kriegshilfe gegen Frankreich zu mobilisieren, bekam er das gewünschte Dokument, um die Güter des französischen Königs in seiner Grafschaft zu konfiszieren: eine in französischer Sprache und nach französischer Art prächtig ausgefertigte Pergamenturkunde, worin der Kaiser den französischen König nicht nur als Feind des Reiches, sondern der gesamten Christenheit anprangert - eine Propagandaschrift, die gerade im französischen Umfeld der württembergischen Grafschaft Mömpelgard auch für die Sache des Kaisers werben sollte.

Urkunde mit Siegel

Der Esel schreibt dem Hahnen - Epistre de l'asne au coq

Vor dem geschilderten politischen und religiösen Hintergrund hatte sich im Umfeld des französischen Hofes in Paris eine literarische Szene entwickelt, in deren Zentrum der Dichter Clement Marot (1496-1544) stand. Dieser war von Franz I. 1527 als Kammerherr eingestellt worden und wirkte von hier aus als Hofpoet vor allem durch seine kritisch-satirischen Werke, die vielfach bald gedruckt wurden. Durch seine Nähe zur protestantischen Bewegung war er jedoch des öfteren gezwungen, aus Frankreich zu fliehen, zuletzt 1542 nach Genf und schließlich nach Turin, wo er 1544 starb. Sein Werk machte ihn bald besonders in protestantischen Kreisen berühmt, wobei gerade seine satirische Versdichtung literaturhistorische Bedeutung erlangte: Er gilt als humanistischer Erneuerer dieser Gattung, indem er die fiktive Briefsatire auf den politisch-religiösen Bereich erweiterte, oft unter Verwendung des fabelartigen Deckmantels von Hahn und Esel (Coq - à - l'asne).

Siegel

Unser Brief des Esels an den Hahnen, der - undatiert und anonym - eine satirische Beschreibung der Zustände in Frankreich um 1542/44 liefert, stammt offensichtlich ebenfalls von Clement Marot und ist nur noch in 2 weiteren Handschriften überliefert (Paris, Bibliothèque Nationale, und Wien, Nationalbibliothek). Unsere Fassung war bislang unbekannt, stellt aber wohl den besten, weil zeitnahesten Textzeugen dieser Dichtung dar: Der Text ist von einer zeitgenössischen französischen Hand geschrieben, und auch der Rückvermerk des württembergischen Kanzlisten datiert noch in jene Zeit.

Die Überlieferung dieser französischen Verssatire im Archiv der Herzöge von Württemberg und in unmittelbarem Zusammenhang mit den Dokumenten von 1544 verweist nicht nur auf die politisch-religiösen Zeitumstände, sondern mit ihrer Rezeption in Württemberg auch auf das Verhältnis zwischen Württemberg und Frankreich, das damals mit den Worten des (dummen) Esels an den (klugen) Hahn wohl treffend kommentiert wurde. Ihr Wunsch nach politischer und religiöser Aussöhnung lässt Hahn und Esel schließlich als Vertreter des zeitgenössischen Pazifismus bestaunen.