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Archivale des Monats Februar 2002

Ein Augenschein von Stuttgart - Die älteste Zeichnung eines Stuttgarter Bauprojekts

Stuttgart und seine Seen im 16. Jahrhundert

Als Residenz der Herzöge von Württemberg bekam Stuttgart im 16. Jahrhundert ein neues Gesicht: Seine Einwohnerzahl wuchs von 5.000 - 6.000 um 1500 auf rund 9.000 gegen Ende des 16. Jahrhunderts an. In erster Linie lebte man hier noch immer von Weinbau, Weinhandel und der Landwirtschaft. Das Handwerk und der Handel mit anderen Produkten, vor allem Nahrungsmitteln, waren zwar nicht unbedeutend, doch zu den großen Handelsplätzen Deutschlands zählte Stuttgart auch jetzt noch nicht.

Die Herzöge Christoph, Ludwig und Friedrich I. (1550-1608) verliehen der Stadt nun ein repräsentatives Äußeres: Die Stadtmauer wurde erweitert und ausgebaut, die Alte Kanzlei entstand, das Alte Schloß erhielt den reizvollen Arkadenhof, im Lustgarten wurde das prachtvolle Neue Lusthaus und nahe dem Alten Schloß der Neue Bau errichtet. Ein Bauboom also, der nicht nur den Charakter der Stadt, sondern auch ihr Verhältnis zur Umgebung veränderte. Die Dominanz der herzoglichen Residenz kam nun bereits durch ihr repräsentatives Erscheinungsbild zum Ausdruck.

Seit dem späten Mittelalter spielten Seen im Stuttgarter Stadtgebiet eine bedeutende Rolle. Im Tal des Vogelsangbachs wurden durch den Stau des Wasserlaufs gleich drei Seen westlich und nördlich der Stadt künstlich angelegt: Der Obere See, etwa zwischen Weimar- und Seidenstraße, der Mittlere See oder Büchsensee, zwischen Seiden- und Schloßstraße und der Untere See zwischen Holzgarten- und Schloßstraße gelegen. Der Büchsensee und der Untere See wurden 1390 bzw. 1440 aufgestaut. Ersterer umfasste ca. 2,7 Hektar, letzterer ca. 11 Hektar. Beide Seen wurden zu Beginn des 18. Jahrhunderts trockengelegt und im 19. Jahrhundert überbaut. Sie dienten vor allem der Fischzucht, aber auch zum Waschen und natürlich als Löschreservoir.

Über dem Damm, der den Büchsensee staute, führte damals ein Weg aus der Stadt durch den herrschaftlichen Zimmerplatz und Holzgarten zu den dahinter ansteigenden Weingärten. Mit dem berühmten See-Buch des Jakob Ramminger von 1596 besitzen wir eine großartige Darstellung der Stadt von Nordwesten, welche die beiden Seen vor der Stadt mit dem Staudamm und dem Zimmerplatz mit Holzgarten zeigt.

Der Streit um den Stuttgarter Seewasen

Zu den großen Bauprojekten, die Herzog Christoph in seiner Residenzstadt bald nach 1550 durchführen ließ, gehörte auch die Erweiterung und der Ausbau der Stadtmauer, die nach Westen und Norden auf der Höhe der Seeufer gezogen wurde. Gleichzeitig stand die Sicherung des Seewehres vor dem Büchsentor an, die der herzogliche Baumeister Albrecht Dretsch 1566 anging, allerdings nicht zur Zufriedenheit der Stuttgarter Bürger.

Aus zwei Schreiben erfahren wir von dem Streit zwischen dem Baumeister und den Stuttgartern, die sich beim Herzog über dessen Eigenmächtigkeit beschweren. Am 16. August 1566 beklagen sich "Vogt, Bürgermeister und Gericht zu Stuttgart" darüber, daß die am Wehrbau beschäftigten Arbeiter auf Geheiß des Baumeisters den vorbeiführenden Weg mit dem anfallenden Aushub verschütteten und damit unpassierbar machten. Sie bitten den Herzog nun, Dretsch zur Freihaltung des Weges anzuweisen.

Der Baumeister rechtfertigt sich bereits einen Tag später. Zunächst beschreibt er die Sicherungsmaßnahmen am Seewehr, das zum Büchsensee (Mittlere See) hin vom Wasser ausgefressen sei und mit einem Mauerhaupt und Werkstücken zu fundamentieren wäre. Den Aushub hierfür habe er teilweise auf der anderen Seite des Wehres zwischen Werkhaus und Stadttor hinabschütten lassen, um dort den Damm zu verstärken und Transportkosten für den Aushub zu sparen. Überhaupt, so argumentiert er, gehöre der Zimmerplatz auf dem Seewasen, durch den der Weg hier führe, der Herrschaft und nicht der Stadt. Dretsch drängt darum den Herzog sehr, diesen einfassen und abriegeln zu lassen, da es dort durch das vorbeiziehende Volk ständig zu Holzdiebstahl komme. Seiner Erklärung fügt er eine Zeichnung zur Darstellung der örtlichen Situation bei, die er bereits zuvor für die projektierte Einfassung des Zimmerplatzes angefertigt hatte.

Die "Fisierung" des Seewasens - der älteste Augenschein von Stuttgart

Die von Dretsch am 17. August 1566 an Herzog Christoph übermittelte Zeichnung ist auf dem Rücken als Fisierung zum Seewasen zu Stuttgart bezeichnet. Es handelt sich also um eine bildliche Darstellung, die anläßlich eines Augenscheins angefertigt wurde. Die kolorierte Tuschzeichnung in den Maßen 91 x 85 cm zeigt das umstrittene Gelände ausgerichtet nach Nordwesten, Seen und Wasen sind im Grundriß, die Gebäude in der Ansicht dargestellt, ein Maßstab fehlt. Detailgetreu wiedergegeben ist zunächst ein Teil der Stuttgarter Stadtmauer mit dem ehemaligen Büchsentor. Dahinter schließt sich das sogenannte "Mittlere Seewehr" an, das damals den Büchsensee (links) vom Unteren See (rechts) trennte. Im Wasser schwimmen Fische und zwei Schweine.

Eigentlich aber geht es um den genannten "Seewasen" oder "Säuwasen", dessen Einfassung und Ummauerung als Bauprojekt ja gerade anstand. Zum Weg hin sollte ein Holzzaun, zum Unteren See hin eine Steinmauer das Gelände des herrschaftlichen Zimmerplatzes umfassen. Entsprechend sind hier die jeweiligen Entfernungen und Maße in Ruten und Schuh angegeben. Gut erkennbar ist auch die Verdohlung des Vogelsangbachs zwischen beiden Seen. Beim Büchsensee verstärkt Flechtwerk, Faschinen, die Uferböschung. Am Damm zeigt sich hier die problematische Unterspülung des Erdwerks, das durch eine Steinfundamentierung gesichert werden soll. Auch ein Stellwehr ist deutlich zu erkennen.

Dem Streit zwischen den Bürgern von Stuttgart und dem herzoglichen Baumeister Albrecht Dretsch verdanken wir also die bislang älteste bildliche Darstellung eines Stuttgarter Bauprojekts und mit diesem "Augenschein" einen ersten visuellen Eindruck vom Aussehen der Stadt im Jahr 1566. Die bislang unbekannte Darstellung war bei der Neuverpackung des Archivbestandes zu Stadt und Amt Stuttgart (A 403) zum Vorschein gekommen. Sie lag dort zusammengefaltet in einem Aktenbüschel (Büschel 10), das vor allem Schriftgut zu Stuttgarter Baumaßnahmen des 16. Jahrhunderts umfasst. Nach ihrer Restaurierung wird die Zeichnung nun erstmals in der Öffentlichkeit gezeigt.