Landeswappen Baden-Württemberg

Aktuelle Hinweise

Ausstellungen

Veranstaltungen

Presse/Berichte

Neue Publikationen

Laufende Projekte

Nachrichtenarchiv

Unser Selbstverständnis

Landesarchiv

Aufgaben und Dienstleistungen

Rechtsgrundlagen

Organisation

Ansprechpartner/innen

Projekte

Jahresberichte

Publikationen

Ausbildung und Praktika

Vergabeverfahren

Stellenausschreibungen

Präsentationen und Inventare

Landeskunde entdecken online (LEO-BW)

Württembergisches Urkundenbuch Online

Karoline Luise von Baden – Kunst und Korrespondenz

Auswanderung aus Südwestdeutschland

Klöster in Baden-Württemberg

Landesforschung und Landesbeschreibung

Angebote für Schulen und Gruppen

Mitmachprojekte des Landesarchivs

Aktenaussonderung

Elektronische Systeme

Historischer Wert

Ihr Landesarchiv

Ansprechpartner im Archiv

Übergabeverzeichnisse

Wie nutzen Sie das Landesarchiv?

An welche Archivabteilung können Sie sich wenden?

Recherche & Bestellung

Mein Konto

Recherchehilfen & Dienstbibliotheken

Öffnungszeiten

Rechtsgrundlagen und Formulare

Kopien und Reproduktionen

Landesarchiv >> Hauptstaatsarchiv Stuttgart >> Digitale Präsentationen >> Archivale des Monats 2000–2010 >> Archivale des Monats September 2004

Archivale des Monats September 2004

"Maria, hilf uns in der Not" - Quellen zur barocken Frömmigkeit im Hauptstaatsarchiv Stuttgart

Bildnis der schmerzhaften Mutter Gottes in Steinbach

Religion und Frömmigkeit als Thema der Kultur- und Sozialgeschichte

Religion war ursprünglich das Thema der konfessionell bestimmten Kirchengeschichte, die die Umsetzung der christlichen Religion in ihrer jeweiligen Konfessionskirche im Wandel der Jahrhunderte untersuchte. Was in diesem Zusammenhang kaum betrieben wurde, war eine Geschichte der Religiosität, bzw. der Bedeutung der Religion für das alltägliche Handeln. Frömmigkeit war allenfalls ein Thema der religiösen Volkskunde. Dabei hat die Soziologie schon früh auf die Bedeutung der Beziehungen zwischen Religion und Gesellschaft hingewiesen. Für Emile Durkheim war Religion "konzentrierter Ausdruck des gesamten kollektiven Lebens" und hatte eine wichtige "gemeinschaftsstiftende Funktion", Max Weber entwickelte in seiner Religionssoziologie ein ganzes System der Beziehungen zwischen Religion und Gesellschaft: Religion bestimmt die Lebensführung vor aller und jenseits aller expliziten konfessionellen Lehre. Man denke nur an Webers These von der Beziehung zwischen Protestantismus und Kapitalismus. Auch die neuere Religionssoziologie, insbesondere Thomas Luckmann, betont die umfassende gesellschaftliche Bedeutung der Religion, die er als "sozialgeformtes, mehr oder minder verfestigtes, mehr oder weniger obligates Symbolsystem" versteht, "das Weltorientierung, Legitimierung natürlicher und gesellschaftlicher Ordnungen und den Einzelnen transzendierende Sinngebungen mit praktischen Anleitungen verbindet".

Unter solchen Prämissen rückt Frömmigkeit als praktische Umsetzung religiöser Vorstellungen in den Mittelpunkt einer Religionsgeschichte, in der es um die Rekonstruktion der praktischen Religiosität geht, wie sie jenseits kirchlicher Institutionen und religiöser Ideen und Lehren die gesellschaftliche Wirklichkeit und den Alltag des Menschen prägen (Richard van Dülmen). Begünstigend dafür war auch, dass die Alltags-, Mikro-, Mentalitäts- und neuer Kulturgeschichte, der es um die Ganzheit des menschlichen Lebens ging, religiöse Formen und Symbole, religiöses Handeln und ganz allgemein Religion als wichtiges Thema entdeckt hatten.

Die Quellen der neuen Religionsgeschichte

Eine so verstandene Religionsgeschichte darf sich und wird sich naturgemäß nicht so sehr auf binnenkirchliche Quellen stützen, sondern eher auf Berichte und Dokumente, in denen sich alltägliche Verhältnisse und Handlungen spiegeln oder in denen Handlungen von Menschen beurteilt werden. In den Staatsarchiven sind dies vor allem Auseinandersetzungen über normabweichende Handlungen, die zu Ohren der Obrigkeit kommen, vor allem aber Gerichtsakten. Aber auch biographische und personenbezogene Quellen - wie etwa Testamente - finden sich gelegentlich in den Akten der Staatsarchive und lassen sich entsprechend auswerten. So wurden etwa Akten des altwürttembergischen Oberrats, der zugleich Verwaltungs- und Gerichtsbehörde war, mit Erfolg für die Geschichte der altwürttembergischen "Konfessionskultur" bearbeitet. Was die Religionskultur des Barock betrifft, so stellt sich die Lage schwieriger dar. Zwar stehen im Hauptstaatsarchiv Stuttgart in den Beständen der oberschwäbischen Klöster - der wichtigsten Mediatoren und Katalysatoren der barocken Frömmigkeit - eine umfangreiche Überlieferung zur Verfügung, doch enthalten deren Archive in der Hauptsache Unterlagen zur Sicherung der äußeren und inneren Existenz, zur Verwaltung und Wirtschaftsführung. Trotzdem gibt es auch in diesen Beständen eine ganze Reihe einschlägiger Quellen, die hier im Folgenden vorgestellt werden sollen.

Formen des Betens

Unmittelbare Quellen zur barocken Frömmigkeit sind am seltensten. Nur vereinzelt findet sich hier ein Segensgebet, dort ein Andachtsbildchen, die zeigen, dass barocke Andacht nicht ohne Magie funktioniert und dass Bildhaftigkeit eine zentrale Rolle spielt, dass aber auch Anfänge einer individuellen Frömmigkeit zu verzeichnen sind. Im inbrünstigen Gebet des Einzelnen vor einem wundertätigen Heiligenbild erfährt der Gläubige Leidentlastung und Verhaltenssicherheit. Der Glaubende kann gewiss sein, dass sein Gebet auch wirkt, insofern hat Religion etwas Rechenhaftes.

Bei allen Formen des Betens spielt Maria eine besondere Rolle. Sie ist als Mutter Gottes die mächtigste Fürsprecherin der Menschen, aber auch als "Mutter der Schmerzen" den Gläubigen menschlich nahe. Auch Christus selbst erscheint als Herrscher und als Mensch, ja als Kind, das die Innigkeit der Glaubensbeziehung verstärkt. Das so genannte "Prager Jesulein", 1628 der Kirche der Karmeliter in Prag geschenkt, war eine besonders oft nachgebildete Kultfigur. Es wird in einem Dokument unserer Ausstellung aber mit Krone und Weltkugel beschrieben. Daneben spielt aber auch Christus als Schmerzensmann eine wichtige Rolle.

Bruderschaften

Individuelle Frömmigkeit, besondere Verehrung Mariens und einzelner Heiliger, sind es auch, die zu einem guten Teil den Charakter der Bruderschaften bestimmen. Diese, im Mittelalter aus den Gebetsverbrüderungen der Klöster und im Spätmittelalter aus den städtischen häufig ständische und religiöse Anliegen verbindenden Genossenschaften hervorgegangen, erlebten im 17. und 18. Jahrhundert eine rasanten Aufschwung. Da waren zunächst die Sebastiansbruderschaften, die vielfach noch ununterbrochen aus dem Spätmittelalter überkommen waren. Sie waren ursprünglich meist aus Schützenverbindungen hervorgegangen. Da waren aber vor allem die Rosenkranzbruderschaften, die sich zur besonderen Pflege des Rosenkranzgebets verpflichteten. Ausgangspunkt war wiederum das Spätmittelalter, wo der Rosenkranz, der nach der Legende von Maria dem Ordensgründer Dominikus anvertraut worden war, in seiner später üblichen Form entwickelt wurde. Er stellte das Leben Marias in fünf Stationen jeweils in den Mittelpunkt eines Gesätzes mit 10 Ave Maria und entsprach so offenbar in besonderer Weise barocker Frömmigkeit.

Rosenkranzbruderschaften wurden so zu den am weitesten verbreiteten Bruderschaften. Daneben spielten Bruderschaften, die sich die besondere Ver-ehrung von zentralen Glaubensgeheimnissen (Eucharistie, Dreifaltigkeit, Wunden Christi usw.) zur Aufgabe gemacht hatten, eine weitaus geringere Rolle.

Alle Bruderschaften versprachen ihren Mitgliedern besondere Ablässe, allen Bruderschaften war aber auch das Einstehen füreinander, besonders auch das Gedächtnis für die Verstorbenen gemeinsam. Bruderschaften bildeten also auch eine Art soziales Sicherungssystem. Sie hatten aber auch noch einen anderen Aspekt. Zwar hielten sie ihre besonderen Gottesdienstes vielfach neben den ordentlichen, weshalb es mit den Pfarrern gelegentlich zu Konflikten kam, insgesamt aber trugen sie doch durch ihre gemein-schaftlichen Prozessionen (mit Fahnen und Heiligenbildern) und anderen Veranstaltungen auch zur Stärkung katholischer Identität und zur Demonstration konfessioneller Gläubigkeit bei. Unter dem Einfluss aufgeklärter Kirchenpolitik wurden am Ende des 18. Jahrhunderts viele Bruderschaften aufgehoben.

Wallfahrten

Demonstration katholischer Gläubigkeit bedeutet auch die Wallfahrt, die vielleicht die wichtigste Form barocker Frömmigkeit darstellt, denn in ihr verbinden sich Heiligen- und Reliquienkult, Ablasswesen, bildhafte Religion und individuelle Andacht mit kollektiv organisierter kirchlich gesteuerter Frömmigkeit. Nach Max Weber entwickelte sich die Wallfahrt im Sinne des Rationalisierungsprozesses von Religion, wie er sich in der Neuzeit darstellt. Rationalisierung - dies bedeutet: Auf-sich-Nehmen von Strapazen, dafür Heilsgewissheit. Dazu gehören aber immer auch die kirchlichen Sakramente: Beichte und Kommunion. Wallfahrt ist also Ausdruck zweckrationalen religiösen Handels zur Erlangung jenseitiger, aber auch diesseitiger Ziele. Wallfahrt, die kirchlich inszeniert ist, bedeutet aber im konfessionellen Zeitalter auch Vergewisserung konfessioneller Identität und Stabilität und schließlich nicht zuletzt Herrschaftsstabilisierung. In der Wallfahrtsfrömmigkeit verstärkten sich wechselseitig alltägliche Ausübung eines Volkskatholizismus und kirchlich vergebene und vermittelte "Anstaltsgnade" (Max Weber).
Dreh- und Angelpunkt der Wallfahrt war das wundertätige Bild, das die unsichtbare Welt sinnlich erfahrbar machte. Meist stand im Mittelpunkt Maria, aber auch andere Heilige kommen vor oder Glaubensgeheimnisse. Ohne Wunder gab es jedenfalls keine Wallfahrt.

Die kirchlichen Instanzen standen Wallfahrtsorten und den sich an ihnen ereignenden Wundern häufig - gegen Ende des 18. Jahrhunderts in zunehmendem Maße - skeptisch gegenüber.

Zwei besonders bekannte und beliebte Wallfahrten werden im Einzelnen dokumentiert:

1. Die Wallfahrt zur schmerzhaften Mutter Gottes in Steinbach:

Im Jahre 1730 berichtete eine ältere Frau davon, dass eine Marienstatue in der Pfarrkirche von Steinbach (Landkreis Unterallgäu, in der Nähe von Kaufbeuren) die Augen bewegt und zum Kreuz über dem Hochaltar gesehen habe. Dieses Erlebnis sprach sich herum, bald sahen andere die bewegten Augen der Muttergottes, manchmal auch, dass ihr Gesicht erröte und dass sie weine. Bald gab es auch Heilungen von Menschen und Tieren. Der Bischof von Konstanz, mit der Frage der Glaubwürdigkeit befasst, war skeptisch, da eine Holzstatue nicht die Augen bewegen könne, beauftragte aber trotzdem eine Kommission, den Fall zu untersuchen.

Diese kam schließlich zu dem Ergebnis, dass die Wundertaten Mariens in Steinbach glaubwürdig seien. Die Wallfahrt nahm im 18. Jahrhundert einen raschen Aufschwung. Steinbach legte sich zunächst im Volksmund den Zusatznamen "Maria" bei, seit 1954 heißt es offiziell Maria Steinbach.

Da Steinbach ein Patronatsort des oberschwäbischen Prämonstratenserklosters Rot an der Rot war, dessen Archiv im Hauptstaatsarchiv Stuttgart verwahrt wird, finden sich über die Wallfahrt zahlreiche Dokumente, unter anderem auch die Akten der bischöflichen Untersuchung, im Hauptstaatsarchiv.

2. Die Wallfahrt zum heiligen Blut in Weingarten:

Zu den bedeutendsten Wallfahrtsstätten Oberschwabens gehört das Kloster Weingarten, das nach der Überlieferung ein Gefäß mit dem Blut Christi besitzt, das der römische Hauptmann Longinus geborgen, nachdem er Christus am Kreuz durchbohrt hatte. Die Reliquie sei 804 erstmals in Mantua aufgetaucht, 1048 erneut aufgefunden worden und sodann über den Grafen Balduin von Flandern und seine Tochter Judith 1094 nach Weingarten gelangt. Einen ersten Höhepunkt erlebte die Verehrung des heiligen Bluts im 13. Jahrhundert, ein zweiter, verstärkter Aufschwung, bringt der Barock mit seiner hohen Wertschätzung für Wallfahrten. Damals wurde auch eine Heilig-Blut-Bruderschaft begründet.

Das mehrfach neu gefasste Reliquiar wurde am sogenannten "Blutfreitag" (dem Freitag nach Christi Himmelfahrt) gezeigt, wo sich eine große Prozession entwickelte, zu der dann der sogenannte "Blutritt" kam, der mit Ausnahme von Unterbrechungen in den Jahren 1805 bis 1849 und 1940 bis 1945 bis heute begangen wird.

Reliquienkult

Die sinnliche Anschauung des Heiligen bedingte eine hohe Wertschätzung von Reliquien. Besonders die frühchristliche Märtyrertradition erlebte vor dem Hintergrund der Konfessionalisierung seit dem 16. Jahrhundert einen großen Aufschwung. Die frühchristlichen Märtyrer, die meist in den Katakomben beerdigt wurden, waren als Glaubenskämpfer Beweise für die wahre "Ecclesia triumphans". Daher wurden, besonders seit der systematischen Durchforstung der Katakomben im 18. Jahrhundert, in großem Stil so genannte "Heilige Leiber" in oberschwäbische Klöster transferiert. Ihre "Translation" wurde in den Klöstern als besondere Festtage begangen, die dadurch auch als kultische Mittelpunkte verstärkte Anziehungskraft für die Bevölkerung erhielten, zumal häufig von den Reliquien auch "Guttaten" (= Wunder) ausgingen.