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Landesarchiv >> Staatsarchiv Ludwigsburg >> Aktuelles der Abteilung >> Frisch entstaubt >> Die Taten eines Chemikers im Auftrag Hitlers

Die Taten eines Chemikers im Auftrag Hitlers

Der Fall August Becker: Vom Gasflaschenlieferant zum Mörder in den Tötungsanstalten der Nazis

Von Katja Sommer

Prozessakte Dr. Alfred Becker
Als einem von vielen wurde Dr. August Becker der Prozess gemacht. Bild: Alfred Drossel

Töten in einer Minute. Das konnte der Chemiker Dr. phil. August Becker. Nicht gewaltsam, sondern heimlich. Hinterhältig. Auf niederträchtigste Art und Weise. Becker forschte unter dem Kommando Hitlers. Er war an der Entwicklung eines Stickstoffgases beteiligt.

1931. Der Chemiker August Becker wird Mitglied der SS, der Schutzstaffel der NSDAP. Sieben Jahre später ruft Berlin. Becker wird in das Reichssicherheitshauptamt versetzt.

Dort wartet auf ihn eine für die Nazis bedeutende Rolle: Der 38-jährige Becker wird in die dunklen Geheimnisse der so genannten "Aktion T4" eingeweiht, bei der in den Jahren 1940/1941 über 70 000 Menschen mit geistigen Behinderungen und psychiatrischen Erkrankungen in so genannten Vernichtungszentren ihr Leben lassen.

Becker kennt die Gefahr

Becker wird Gasflaschenlieferer und hat den Auftrag, Gas aus den Ludwigshafener BASF-Werken abzuholen und zu den einzelnen Tötungsanstalten zu bringen. Becker kennt die Gefahr seiner Fracht und kennt das Ziel seines Diktators. Es lautet Mord. Massenmord.

Becker folgt den Befehlen. Schreitet 1940 erstmals zur Tat. In der Heilanstalt Brandenburg bei Berlin testen die Nazis ihre heimtückische Waffe, die unsichtbar in die Lungen der Opfer schleicht. Bei der so genannten Probevergasung legt er - so berichten später Zeugen - den Gashebel selbst um. Zwischen 18 und 20 Menschen verlieren ihr Leben, ihre Leichen werden verbrannt.

Das grausame Morden geht weiter: "Ich sprang als Gasfachmann hinzu und habe durch die Regulierung des Manometers die Gaszufuhr so geregelt, dass eine genügende Menge Gas in den Raum kam und die Tötung durchgeführt werden konnte", wird Becker später vor Gericht aussagen.

Tod kommt nach Grafeneck

In den Augen der Nazis leistet der Chemiker gute Arbeit. Er soll den Tod auch nach Grafeneck bringen, einem kleinen Ort auf der Schwäbischen Alb in der Nähe von Münsingen.

Im dortigen Schloss nahm die "systematische, industrielle Vernichtung" von Menschen im Nazideutschland ihren Anfang, schreibt der Ludwigsburger Archivar Dr. Martin Häußermann später in einer Veröffentlichung.

10 654 Menschen werden in Grafeneck im Jahr 1940 ermordet - alte Menschen, Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Menschen, deren Arbeitsfähigkeit eingeschränkt war. Menschen, die sich länger als fünf Jahre in einer Anstalt befanden. Menschen, die gerichtlich in eine Anstalt eingewiesen wurden. Menschen, die "nicht deutschen oder artverwandten Blutes" waren - was sich insbesondere auf Juden bezog.

"In Grafeneck habe ich die Leitung und die Unterrichtung des Bedienungspersonals durchgeführt. Ich hatte dort die Leitung bei ein oder zwei Versuchen, nachher konnte es Dr. Schumann in eigener Zuständigkeit alleine ausführen", gibt Becker später vor den Richtern zu.

Er sei sich "vollkommen darüber klar" gewesen, dass "diese Tötung illegal war". Viktor Brack, SS-Oberführer und Freund Heinrich Himmlers, beruhigte den Chemiker.

Ein Gesetz würde später die Tötung dieser Menschen legalisieren.

1941 wird Grafeneck geschlossen. Immer mehr Menschen wissen über die "Geheime Reichssache Grafeneck" Bescheid, Proteste werden laut. Doch das Morden der Nazis geht weiter.

Chemiker wird befördert

Becker wird gleich im Anschluss mit der Durchführung und Inspektion der Vergasungsaktionen im Osten beauftragt. 1943 wird der Chemiker sogar zum SS-Obersturmführer befördert. Grafeneck geht als zentrale Tötungsstätte in Südwestdeutschland in die traurige Geschichte der Naziherrschaft ein. 4500 Opfer aus badischen, knapp 4000 aus württembergischen, über 1500 aus bayerischen Einrichtungen sowie ungefähr weitere 500 aus anderen Anstalten des Deutschen Reiches fanden dort den Tod. In Württemberg wurden aus über 20 Einrichtungen Patienten nach Grafeneck gebracht, wo Becker und seine Kollegen zur grausamen Tat schritten. Als "Chemiker von Grafeneck" muss sich August Becker nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vor Gericht verantworten - wegen seiner Beteiligung an der Entwicklung des Giftgases und dessen Einsatz.

Becker, der heute nicht mehr lebt, wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt, die er jedoch aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes - er litt an einer Herzschwäche - nicht vollständig zu verbüßen hatte.


Der Artikel wurde am 11. Juni 2005 in der Ludwigsburger Kreiszeitung veröffentlicht. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der LKZ.

Akteneinsicht
Die Akte kann im Staatsarchiv Ludwigsburg unter der Signatur EL 48/2 Bp 139 bestellt und eingesehen werden. Der Lesesaal ist unter der Telefonnummer 07141/18-6337 erreichbar.