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Vom schmalen Pfad zwischen Anpassung und Verstrickung

Der Esslinger Chefarzt Julius Wagner hat im Jahr 1944 Menschen zwangssterilisiert

Von Lukas Jenkner

Julius Wagner, Repro: factum/Weise
Julius Wagner, Repro: factum, Weise


 

Es ist kaum zu ermessen, wie schwer dem Esslinger Peter K. am 31. Juli 1944 der Weg ins städtische Krankenhaus seiner Heimatstadt fällt. Tage zuvor hat er vom Landratsamt eine dürre Mitteilung erhalten: "Sie werden ersucht, zur Durchführung Ihrer Unfruchtbarmachung sich am Montag, 31. Juli 1944, vormittags im städt. Krankenhaus in Eßlingen am Neckar einzufinden." Peter K. gilt nach der Rassedoktrin der Nationalsozialisten als "Zigeunermischling", der sich aus rassehygienischen Gründen nicht fortpflanzen dürfe. Entweder Sterilisation oder Konzentrationslager: vor diese Alternativen hatten die Behörden Peter K. gestellt. K., dessen Schwester bereits ins KZ verschleppt worden und dort umgekommen war, entschied sich für die Unfruchtbarkeit.

Im Operationssaal trifft Peter K. auf Julius Wagner, den langjährigen Chefarzt der Esslinger Chirurgie. Er ist seit 1933 Mitglied verschiedener NS-Organisationen und seit 1937 der NSDAP. Als Chefarzt ist er zuständig für die Zwangssterilisationen. Auf dem Operationstisch liegend habe er den Arzt gebeten, den Samenleiter lediglich abzubinden, gibt Peter K. später zu Protokoll. "Nein, da muss ein Stückchen raus", habe Wagner entgegnet. Minuten später ist K. unfruchtbar, eines der vielen Opfer des NS-Rassenwahns.

Knapp drei Jahre später, also 1947, treffen der Chefarzt, inzwischen vom Dienst suspendiert, und Peter K. erneut aufeinander, dieses Mal im Esslinger Amtsgericht, Ritterstraße 8, im Zimmer 5 des ersten Stocks. Am 28. April 1947 verhandelt die Spruchkammer über die von Wagner durchgeführten Sterilisationen. Konkret geht es um sieben Fälle, in den "Zigeunermischlinge" aus rassepolitischen Gründen unfruchtbar gemacht wurden, und deretwegen sich Wagner nun verantworten muss. Peter K. ist ein Zeuge.

Die Verhandlung, die erst nach 23 Uhr endet, findet in einer aufgeladenen Atmosphäre statt. Dies berichten mehrere Quellen in der Spruchkammerakte, die heute im Ludwigsburger Staatsarchiv liegt. Bis zum Zeitpunkt der Verhandlung haben sich Geistliche, Stadträte, Bürger und Kollegen für Wagner verwendet. Der Arzt sei nie ein Nazi gewesen, die Mitgliedschaften in den entsprechenden Organisationen seien ihm durch seine öffentliche Position aufgezwungen worden. Mehrere tausend Unterschriften von Esslinger Bürgern sind gesammelt worden.

Die Spruchkammer stuft den 58-jährigen Wagner als Mitläufer ein. Er muss lediglich 2000 Reichsmark Wiedergutmachung leisten, was für einen Mediziner, der nicht nur viele Jahre Chefarzt war, sondern zeitweise noch eine eigene Praxis betrieb, zweifellos eine erträgliche Summe war. Zwar seien die Sterilisierungen ein Verbrechen, dafür aber ein Strafrichter zuständig, heißt es zur Begründung. Die Spruchkammer habe über die politischen Motive Wagners zu urteilen. Und da habe der Chefarzt glaubhaft machen können, dass er sich wie seine Patienten in einer Zwangslage befunden habe.

Hätte er nicht operiert, hätte er mit wahrscheinlich Repressalien, schlimmstenfalls mit dem Konzentrationslager rechnen müssen. Seine hohe Position und wohl nicht zuletzt auch sein Ansehen in der Stadt hätten ihn kaum davor bewahrt. Mit seiner Parteizugehörigkeit habe er lediglich den äußeren Schein gewahrt. In seinem Inneren jedoch habe er den Nationalsozialismus immer verurteilt, sich gegen die Anstellung linientreuer Kollegen und Krankenschwestern in der Klinik gewehrt und im Operationssaal den Hitlergruß abgelehnt.

Nicht nur die betroffenen "Zigeunermischlinge", die eine Woche später in einem Brief Einspruch erheben und in dem Schreiben von einer "feindlichen Wand" sprechen, gegen die sie im Gerichtssaal geprallt seien, sind über das Urteil empört. "Die Atmosphäre im Saal war so, dass 95 Prozent der Anwesenden Dr. Wagner geradezu als Gott huldigten", heißt es in dem Schreiben.

Auch die US-Militärregierung ist überzeugt, dass die Spruchkammer eine falsche Entscheidung getroffen hat. Es gebe genügend Beweismaterial dafür, dass Wagner ein überzeugter Nazi gewesen sei. Seine Behauptung, er wäre bei einer Weigerung ins KZ gekommen, sei hingegen unbegründet, heißt es in einem Bericht des US-Militärs. Wagner hätte als Belasteter, wenn nicht als Hauptschuldiger verurteilt werden müssen. Der Fall schlägt Wellen, Zeitungsartikel erscheinen, der Vorsitzende des Esslinger Spruchkammer und der öffentliche Kläger wollen von ihren Ämtern entbunden werden. Schließlich kassiert der Befreiungsminister Gottlob Kamm das Urteil und beauftragt die Stuttgarter Spruchkammer, den Fall erneut zu verhandeln. Am Ende landen die Akten im November 1947 jedoch bei der Ludwigsburger Spruchkammer. Auch dort wird der Fall hin und her geschoben. Offenkundig will sich niemand die Finger verbrennen. Erst am 23. April 1948 kommt es zur erneuten Verhandlung - die das Esslinger Urteil bestätigt.

Rückblende. Im Protokoll von Wagners Vernehmung am 17. Februar 1947 heißt es: "Nach Beendigung seiner Vernehmung erscheint der Betroffene noch einmal und erklärt: Ich habe vergessen darauf hinzuweisen, daß meiner Überzeugung nach auch der Durchführung der rassepolitischen Operationen ein Gesetz zugrunde gelegen haben muss. Die Anweisungen für diese Operationen gingen ja von einer Reichsbehörde, dem Reichsinnenministerium in Berlin, aus." Ein mit dem Chefarzt befreundeter Professor erklärt am 7. Februar 1947 zum Mensch Julius Wagner: Er wäre ein Charakter, "der großen Bedacht auf sein Ansehen und seiner Existenz lege und deshalb zweckmäßig alles vermeide, was ihm in dieser Beziehung Abbruch tun könnte." Im Gerichtssaal wiederholt der Professor diese Formulierung nicht.

Opfer dieser Zweckmäßigkeit sind nicht nur die sieben "Zigeunermischlinge" geworden. Deren Sterilisierungen stellen lediglich die Spitze des Eisberges dar. In einem Register des Krankenhauses, das im Ludwigsburger Staatsarchiv liegt, sind zahlreiche weitere aufgelistet. Den Großteil dieser Eingriffe dürfte Wagner durchgeführt haben. Bereits im Mai 1936 hatte der Chef der Chirurgie beim württembergischen Innenministerium nachgefragt, ob die inzwischen "sehr zahlreich anfallenden Sterilisierungen" eigentlich von ihm vollzogen werden müssten, oder ob er dies an Vertreter abgeben dürfe - lediglich im Falle von Urlaubsvertretungen sei dies erlaubt, wurde Wagner seinerzeit mitgeteilt.

Nachweis der Sterilisationen
Nachweis der Sterilisationen, Repro: factum/Weise

 
Ein Gesetz von 1933 als Grundlage

Immerhin konnte sich der Chirurg nach dem Krieg beim Großteil dieser Operationen auf das Erbgesundheitsgesetz von 1933 und damit auf eine juristische Grundlage berufen. Dieses Gesetz sah die Zwangssterilisation bei Fällen wie Schwachsinn, "schwerer erblicher körperlicher Missbildung" oder auch Schizophrenie vor. Eine Sterilisierung der "Zigeunermischlinge" stellte allerdings eine Überdehnung des Gesetzestextes dar - was die Spruchkammer ganz richtig erkannte, die aber trotzdem ein für die Betroffenen unbefriedigendes Urteil fällte.

"Was bedeuten schon die sieben verpfuschten Leben der Geschädigten. Hauptsache, Dr. Wagner geht unangetastet aus dem Verfahren hervor", beschreiben Peter K. und seine Leidensgenossen ihren Eindruck von der Esslinger Verhandlung. Sie bleiben bei ihrer Auffassung, dass Wagner im entscheidenden Augenblick im Operationssaal versagt hat.


Der Artikel wurde am 27. Juni 2005 in der Stuttgarter Zeitung veröffentlicht. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der StZ.

Dokumente zum Fall Julius Wagner

Die Akte Julius Wagner kann im Staatsarchiv Ludwigsburg unter der Signatur EL 902/15 Bü 23893 bestellt und eingesehen werden. Der Lesesaal ist unter der Telefonnummer 07141/18-6337 erreichbar.