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Landesarchiv >> Staatsarchiv Ludwigsburg >> Aktuelles der Abteilung >> Frisch entstaubt >> Kein Hitlergruß im Orchestergraben

Kein Hitlergruß im Orchestergraben

Das Verfahren gegen den Generalintendanten Gustav Deharde

Von Lukas Jenkner

In einer Theaterzeitschrift wird der neue Stuttgarter Generalintendant Gustav Deharde 1937 präsentiert, Repro: factum/Weise.
In einer Theaterzeitschrift wird der neue Stuttgarter Generalintendant Gustav Deharde 1937 präsentiert, Repro: factum/Weise.


"Ich kam 1938 aus Bayern, meiner Heimat, nach Stuttgart und hatte damals in meiner Heimat, größtenteils durch die Schule usw., vieles gehört, was mich in mancher Beziehung an den Führer und seine Idee glauben ließ", schreibt Sofie K. am 25. September 1947. Der Anlass für den Brief ist das Entnazifizierungsverfahren gegen Gustav Deharde, der von 1937 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Generalintendant des Stuttgarter Staatstheaters war und sich nun vor der Spruchkammer verantworten muss. Als Mitglied der NSDAP seit 1933 und der SA seit 1937 gilt er formal als belastet.

Sofie K., die zwischen 1938 und 1947 fast zehn Jahre lang Hausgehilfin der Familie Deharde war, lässt in ihrem Brief keinen Zweifel an der Lauterkeit des Generalintendanten. Im Hause Deharde seien ihr die Augen über den Krieg und den Nationalsozialismus geöffnet worden, die Ehefrau Dehardes habe verhindert, dass K. sich der NS-Frauenschaft anschließt. Ständiges Thema im Haus seien die Sorgen und Nöte gewesen, die Deharde mit NS-Parteistellen gehabt habe.

Ähnlich äußern sich weitere Weggefährten, Kollegen und Mitarbeiter Dehardes. Er habe Bescheinigungen geschrieben, dass sie nicht zur SA mussten, Kollegen mit jüdischer Herkunft beschützt, und versucht, den Spielplan möglichst frei von nationalsozialistischen Stücken zu halten. Stattdessen habe er ständig Kritik von der Partei einstecken müssen, weil etwa die Oper "Tobias Wunderlich" des schwäbischen und bei den Nazis unbeliebten Komponisten Joseph Haas gespielt wurde. Unwillen erregte demnach auch, dass die Inszenierung von Schillers "Wallenstein" den Heerführer als von Dämonen gehetzten Diktator darstellte, was als Parallele zu Hitler gewertet und kritisiert wurde.

Der 1893 geborene Gustav Deharde, der nach dem Krieg nach Wilhelmshaven gezogen ist und von dort aus die Stuttgarter Spruchkammer drängt, sein Entnazifizierungsverfahren voranzutreiben, damit seine seit zwei Jahren erzwungene Untätigkeit nun endlich enden möge, begründet seinen Beitritt zur NSDAP mit dem Druck, der auf ihn ausgeübt worden sei, nachdem er in Bremerhaven als Intendant begonnen habe. In die SA sei er 1937 eingetreten, um im Ringen mit den NS-Parteistellen und der Landesregierung um das Stuttgarter Staatstheater formal Rückenstärkung zu erhalten. Mehrere Zeugen bestätigen, dass Deharde ständig Gefahr lief, aus seinem Amt entfernt zu werden und die SA-Uniform nur zu ganz wenigen Anlässen, wenn es sich nicht vermeiden ließ, getragen habe. Einen Hitlergruß im Orchestergraben habe es unter seiner Ägide nicht gegeben.

Es sind die in den Spruchkammerverfahren üblichen Entlastungen, die sich in Dehardes Akte finden, und die heute als "Persilscheine" berühmt und berüchtigt sind. Vor allem Hinweise auf fehlende äußere Anzeichen ("Hitlergruß") - werden stereotyp wiederholt und orientieren sich an den Tatbeständen, wie sie im so genannten Befreiungsgesetz, das die rechtliche Grundlage der Spruchkammerverfahren bildete, aufgeführt sind.

Entsprechend relativiert sich das sowohl von Deharde als auch von den Entlastungszeugen gezeichnete Bild, blickt man über die Spruchkammerakte hinaus. Petra Völzing, die sich vor einigen Jahren mit dem Stuttgarter Staatstheater in der Zeit des Dritten Reiches beschäftigt hat, etwa hat einen Brief Dehardes aus dessen Bremerhavener Zeit an den zuständigen Reichskommissar Hans Hinkel aus dem Jahr 1933 ausgegraben: "Die künstlerische Leitung des Theaters, das bis jetzt unter der Führung eines Halbjuden war, ist bedeutend zu steigern, wenn die Führung im nationalen Sinne vorstößt", schreibt Deharde in Bezug auf die Bremerhavener Stelle und biedert sich bei Hinkel an. Ganz anders liest sich das Geschehen in einem Brief, den Deharde im November 1947 an die Spruchkammer schickt: Eine reine Konzession sei sein Parteibeitritt gewesen, und er könne "heute mit Stolz und Genugtuung behaupten, dass die Theater, an denen ich wirkte, Oasen persönlicher und künstlerischer Freiheit waren".

Kleine Oasen künstlerischer Freiheit

Wenn dies so war, dann müssen es sehr kleine Oasen gewesen sein, wie ein Blick auf die Spielpläne des Staatstheaters jener Zeit offenbart. Zwar finden sich viele unverdächtige Inszenierungen von Klassikern. Aber genauso gab es Stücke zum Beispiel von Arnold Krieger zu sehen, der mitunter im Zentralverlag der NSDAP publizierte und dessen Werke nach dem Krieg in der sowjetischen Besatzungszone verboten waren. Erwin Guido Kolbenheyer, dessen Schauspiel "Die Brücke" 1938 am Staatstheater aufgeführt wurde, bekam nach 1945 ein fünfjähriges Schreibverbot auferlegt, weil er den Nationalsozialismus aktiv unterstützt hatte. Zudem kamen auf den Stuttgarter Bühnen die tendenziösen Werke des Dichters und hiesigen NS-Gaukulturwarts Georg Schmückle zur Aufführung.

Andererseits: gerade mit Letzterem soll sich Gustav Deharde, wie Petra Völzing schreibt, besonders schlecht verstanden haben - es dauerte bis zur Spielzeit 1940/41, ehe der Generalintendant ein Werk Schmückles auf die Bühne brachte. Deharde war zwar formal für alle Aufführungen verantwortlich. Aber an den Spielplänen fällt auf, dass er keines der einschlägigen Stücke selbst inszenierte. Hingegen brachte er mit den "Räubern" und "Don Carlos" in jenen Jahren gleich zwei Schillerdramen auf die Stuttgarter Theaterbühne, in denen der Freiheitsgedanke eine zentrale Rolle spielt.

Nicht übersehen werden darf zudem, dass sich Deharde in einem personellen Geflecht mit engen Grenzen bewegte. Er war als Generalintendant zwischen die strammen Nazis Christian Mergenthaler und Wilhelm Murr geraten, die sich einen herzhaften Kleinkrieg lieferten - auch um das Staatstheater. Mergenthaler war seit 1933 Ministerpräsident und Kultusminister, mit der Gleichschaltung der Länder und der Einsetzung Wilhelm Murrs als Reichsstatthalter im Gau Württemberg aber faktisch entmachtet worden. Das Kompetenzgerangel der beiden Kontrahenten äußerte sich im Staatstheater etwa bei manchem Postenschacher oder eben bei den angeblich nicht linientreuen Inszenierungen.

Bei den Versuchen, Gustav Deharde zu diskreditieren, war seinen Gegnern manches Mittel recht. Mehrmals taucht in der Spruchkammerakte der Hinweis auf, dass der Sicherheitsdienst SD gegen Deharde ermittelte und dabei gezielt das Gerücht streute, er sei homosexuell. Deharde selbst bezeichnet es als "widerliches persönlich ehrenrühriges" Verfahren, das wohl auch die nationalsozialistischen Ressentiments gegen den liberalen Kulturbetrieb widerspiegelte - und erfolglos blieb. Aus seinem Amt flog Deharde erst nach Kriegsende und mit der politischen Säuberung durch die US-Militärregierung. Da ruhte der Theaterbetrieb bereits seit Monaten, ein Luftangriff hatte das Kleine Haus am 12. September 1944 in Schutt und Asche gelegt.

Das Verfahren wird eingestellt

Am 30. Januar 1948 schließlich kommt es gegen den ehemaligen Intendanten zur Verhandlung. Gustav Deharde ist eigens aus seinem neuen Wohnort Wilhelmshaven angereist, die Sitzung verläuft aus seiner Sicht erfreulich. Keine Stimme erhebt sich gegen ihn, die Zeugen wiederholen ihre zuvor schriftlich eingereichten Erklärungen. Am Ende stellt die Spruchkammer das Verfahren ein, Gustav Deharde gilt als entlastet. Seiner weiteren Karriere tut die Stuttgarter Zeit keinen Abbruch. Deharde wird noch Intendant in Ulm und in Gelsenkirchen und stirbt im August 1968. Im kurzen Nachruf, der in den Stuttgarter Nachrichten erscheint, heißt es: "Seine größte Leistung bestand vielleicht darin, daß sein Spielplan während der Nazizeit nicht nationalistisch war."


Der Artikel wurde am 4. Juli 2005 in der Stuttgarter Zeitung veröffentlicht. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der StZ.

Dokumente zum Fall Gustav Deharde

Die Akte Gustav Deharde kann im Staatsarchiv Ludwigsburg unter der Signatur EL 902/20 Bü 3471 bestellt und eingesehen werden. Der Lesesaal ist unter der Telefonnummer 07141/18-6337 erreichbar.