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Landesarchiv >> Staatsarchiv Ludwigsburg >> Aktuelles der Abteilung >> Frisch entstaubt >> Am Ende verhandeln die Göppinger Ärzte um jeden Pflegling

Am Ende verhandeln die Göppinger Ärzte um jeden Pflegling

Das Verfahren gegen den Mediziner Karl John

Von Lukas Jenkner

Der Nervenarzt Karl John (rechts) mit einem unbekannten Freund, Repro: factum/Weise.
Der Nervenarzt Karl John (rechts) mit einem unbekannten Freund, Repro: factum/Weise.

Auf den ersten Blick scheint klar zu sein, dass Karl John ein überzeugter Nazi gewesen ist. Er gehörte verschiedenen NS-Gliederungen an. Von 1936 bis 1945 hat er für das Rassepolitische Amt des Kreises Göppingen gearbeitet und Vorträge gehalten mit Titeln wie "Bevölkerungspolitik und Rassehygiene", "Rassehygiene und Erbbiologie" oder "Alles Leben ist Kampf". John war damals Oberarzt und stellvertretender Leiter des bis heute existierenden Göppinger Christophsbads, in jener Zeit eine private Heilanstalt für psychisch Kranke und Behinderte. Der Nervenarzt John war an exponierter Stelle in eines der dunkelsten Kapitel des Dritten Reiches verstrickt: in die so genannte Aktion T 4, die die planmäßige Ermordung tausender behinderter und kranker Menschen umfasste.

Im ganzen Reich wurden zwischen Januar 1940 und August 1941 mehr als 70 000 Menschen umgebracht, zunächst in aller Heimlichkeit und mit hoher krimineller Energie organisiert von einer geheimen Tötungsbehörde in Berlin, der mehrere Organisationen angehörten. Diese trugen so unverfängliche Namen wie Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten oder Gemeinnützige Krankentransport-GmbH.

Das frühere Behindertenheim Grafeneck auf der Schwäbischen Alb, wo heute eine Gedenkstätte steht, war die erste von mehreren Tötungsanstalten. Aus dem Göppinger Christophsbad wurden in dieser Zeit 297 Patienten abtransportiert, von denen 168 getötet wurden, wie der Historiker Thomas Stöckle in den 90er Jahren aus verschiedenen Quellen erschlossen hat. Die Zahlen weisen allerdings Unschärfen auf, ihre Präzision ist nicht mehr genau nachvollziehbar. Dies gilt auch für andere Heilanstalten, die, so die damalige Bezeichnung, Pfleglinge abgeben mussten. Das Christophsbad war eine von mehr als 20 Einrichtungen in Württemberg, die von der Mordaktion betroffen waren.

Die Lektüre der Akte Karl Johns, der sich am 18. September 1947 in Göppingen wegen seiner Vergangenheit vor der dortigen Spruchkammer verantworten musste, indes zeigt, dass Johns Verhalten als Arzt im Dritten Reich so eindeutig nicht war. Die Kammer kam sogar zu dem Ergebnis, dass John sich weder formal noch individuell schuldig gemacht habe, seine Tätigkeit vielmehr dazu geführt habe, dass aus dem Christophsbad weniger Menschen abtransportiert und ermordet wurden als zunächst geplant.

In der Verhandlung hatte der damals 62-jährige John, der zu diesem Zeitpunkt mit einer Ausnahmegenehmigung bereits wieder im Christophsbad arbeitete, für sich geltend gemacht, dass er lediglich Beauftragter, aber nicht Leiter des Rassepolitischen Amtes im Kreis Göppingen gewesen sei. Als Freimaurer habe er nicht Parteimitglied werden können und es auch gar nicht gewollt. Tatsächlich war John als Mitglied einer Freimaurerloge zum Zweck der Diffamierung bereits 1935 in dem antisemitischen Hetzblatt "Der Judenkenner" namentlich aufgeführt worden. Diverse Zeitungsartikel über seine Vorträge hätten die Inhalte seiner Reden völlig verzerrt wiedergegeben, so John. Er habe sich dem Thema der Erbkrankheitsforschung ausschließlich auf wissenschaftlicher Ebene genähert. Unterstützt wurde John von den üblichen Entlastungsschreiben verschiedener Freunde und Kollegen, darunter auch ein Arzt und ein Jurist, beide jüdischen Glaubens. Andererseits lässt ein Brief Karl Johns an die NSDAP-Kreisleitung vom 30. April 1941 an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. In dem Schreiben äußert er sich gegenüber der Behörde abfällig über 20 polnische Frauen, die als Arbeiterinnen aus dem Elsass nach Göppingen gekommen waren und mit dort stationierten deutschen Soldaten Bekanntschaften schlossen. John schreibt: "Es dürfte meines Erachtens angezeigt sein, wenn von Seiten der NSDAP-Kreisleitung die Befehlsstellen der Göppinger Truppenteile darauf aufmerksam gemacht würden, dass der Umgang der Soldaten mit diesen fremdvölkischen Mädchen rassisch unerwünscht ist. Heil Hitler, gez. Dr. John".

Der Göppinger Ortsausschuss des Gewerkschaftsbunds vertrat überdies die Auffassung, dass John sehr wohl Kreisamtsleiter des Rassepolitischen Amtes gewesen sei. Und das Urteil das Gaugerichts, das über eine Aufnahme Johns in die NSDAP zu entscheiden hatte, dies jedoch ablehnte, legt die Vermutung nahe, dass sich John zumindest darum bemüht hatte. Weil er Freimaurer sei, so das Gaugericht, könne dies jedoch auch auf dem Gnadenwege nicht geschehen.

Vor allem beschäftigte sich die Spruchkammer natürlich mit den Vorgängen im Christophsbad in den Jahren 1940 und 1941. Und da zeigte sich, dass sich die Ärzte - mögen sie sich vielleicht wie John rassenideologischen Ideen verbunden gefühlt haben - durchaus renitent verhielten, als es um das Leben der Anstaltsinsassen ging. Die ersten Meldebögen zur Erfassung von Kranken etwa, die bereits 1939 vom Reichsinnenministerium an das Christophsbad geschickt wurden, blieben unausgefüllt.

Als sich im Frühjahr 1940 ranghohe württembergische Ministerialbeamte in Göppingen einfanden, um auf die Ausfüllung der Meldebögen zu pochen, wurden den Akten nach plötzlich alle in Frage kommenden "Pfleglinge" arbeitsfähig, Krankengeschichten wurden entsprechend frisiert. Regelmäßig mussten die Göppinger Ärzte in den Monaten danach mit den Kommissionen über jeden einzelnen Anstaltsinsassen verhandeln. Mehrmals protestierte die Leitung des Christophsbads in Stuttgart. Dass trotzdem mehrere hundert Betroffene abtransportiert wurden und ein Teil von ihnen ermordet wurde, ließ sich mit diesen Bemühungen jedoch nicht verhindern.

Das Göppinger Christophsbad hebe sich in seinem Handeln positiv von anderen Heil- und Pflegeanstalten ab, schreibt Thomas Stöckle. Tatsächlich waren die Ärzte vor allem in den staatlichen Pflegeanstalten - von einzelnen Ausnahmen abgesehen - wenig bereit, sich aus der Reserve herauszuwagen und Zivilcourage zu zeigen, meint dazu der Historiker Rolf Königstein. Widerstand in verschiedenster Form leisteten vor allem die von den Kirchen getragenen Anstalten. Trotz allem waren es am Ende mehrere tausend Menschen in Baden und in Württemberg, die im Rahmen der Aktion T 4 getötet wurden.

Dass Karl John von der Spruchkammer entlastet und damit in die niedrigste Kategorie eingeordnet wurde, mag aus heutiger Sicht diskutabel sein. Seine Akte offenbart jedoch, dass eindeutige Kategorisierungen zur Einschätzung individueller Schuld nicht taugen, sondern dass vielmehr immer die Komplexität der jeweiligen Umstände berücksichtigt werden muss.


Der Artikel wurde am 11. Juli 2005 in der Stuttgarter Zeitung veröffentlicht. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der StZ.

Dokumente zum Fall Karl John

Die Akte Karl John kann im Staatsarchiv Ludwigsburg unter der Signatur EL 902/8 Bü 7263 bestellt und eingesehen werden. Der Lesesaal ist unter der Telefonnummer 07141/18-6337 erreichbar.