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Landesarchiv >> Staatsarchiv Ludwigsburg >> Aktuelles der Abteilung >> Frisch entstaubt >>

Am 5. August 1991 stirbt im Alter von 92 Jahren am Bodensee Hermann Albert Cuhorst. Wenige Tage darauf erscheint in der Stuttgarter Zeitung eine Traueranzeige der Hinterbliebenen, gegen die wiederum einige Tage später die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) protestiert. Dass in der Annonce das Bibelwort Matthäus 5,10 stehe - "Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Himmelreich" - sei ein Missbrauch der Bibel.

Die Vereinigung hat durchaus Anlass zur Empörung. Cuhorst war zwischen 1937 und 1945 Vorsitzender des Stuttgarter Sondergerichtshofs. In dieser Zeit verhängte das Gericht mindestens 120 Todesurteile, Cuhorsts Verhandlungsführung und fanatischer Nationalsozialismus entsprachen dem berüchtigten Präsidenten des Volksgerichtshofs, Roland Freisler. Nachzulesen ist dies heute im Ludwigsburger Staatsarchiv, wo die umfangreiche Akte Hermann Cuhorst einen knappen Regalmeter einnimmt. Die Aufarbeitung das Falls Cuhorst hat die Gerichte und Behörden bis in die 60er Jahre hinein beschäftigt.

Es beginnt aus der Sicht der Württemberger mit einem Skandal: Im Nürnberger NS-Juristenprozess wird Cuhorst am 4. Dezember 1947 freigesprochen. Das liegt nicht daran, dass die Nürnberger Richter in Cuhorst nicht einen "fanatischen Nazi und rücksichtslosen Richter" erkannt hätten, sondern an den formalen Anklagepunkten, die Cuhorst unter anderem wegen verloren gegangener Akten nicht nachgewiesen werden können. Den Bürgern, die das Urteil vernehmen, ist dies unbegreiflich. Es kommt zu öffentlichen Demonstrationen mit mehreren hundert Teilnehmern. Cuhorst hingegen fühlt sich fortan als Unschuldiger und schafft es, sich in den folgenden zwei Jahrzehnten immer mehr als politisch Verfolgter zu begreifen, wie sein Biograf Stefan Baur 1997 schreibt.

Denn der während seiner Amtszeit in Stuttgart Furcht und Schrecken verbreitende Richter wird bereits wenige Tage nach dem Nürnberger Freispruch wieder verhaftet. Im Oktober 1948 muss sich Cuhorst vor einer Stuttgarter Spruchkammer erneut verantworten - zu Unrecht, wie er meint, da es grundsätzlichen rechtsstaatlichen Auffassungen widerspreche, dass ein Mensch zweimal für seine Vergehen vor Gericht stehen muss.

Die Spruchkammer sieht dies anders. In einem mehrwöchigen Verfahren wird Cuhorsts Treiben als Stuttgarter Sonderrichter aufgerollt. Assessoren berichten, wie er Prozessbeteiligte mit den Worten "Voilà, meine Herren, auf zur Schlachtbank!" oder "Na, heute haben wir drei Fälle, das muss mindestens zwei Köpfe geben" zu den Verhandlungen rief. Verteidigern ließ er zur Schikane Anklageschriften erst Stunden vor Verfahrensbeginn zustellen, Angeklagte wurden wüst niedergebrüllt und mussten Schimpfkanonaden wie Lump, Schweinehund oder Vaterlandsverräter erdulden. Cuhorsts fanatischer Nationalsozialismus steht außer Frage, ebenso dass er aus politischen Gründen bereits mit 35 Jahren Senatspräsident wurde. Zum Tode verurteilt wurden unter anderem Homosexuelle und Diebe, manche Verhandlungen dauerten nicht länger als 20 Minuten.

Während der Verhandlung vor der Stuttgarter Spruchkammer sitzt Cuhorst weiter in Untersuchungshaft und ist seinem Biografen Baur zufolge alles andere als ein fügsamer Häftling. Es gibt ständige Haftbeschwerden und Befangenheitsanträge gegen die Mitglieder der Spruchkammer. Cuhorst formuliert eine Anfechtungsklage und schließlich eine Anzeige gegen den für die Entnazifizierung zuständigen Minister Gottlob Kamm.

Angespannt ist auch die Atmosphäre im Gerichtssaal. Cuhorst wünscht am ersten Verhandlungstag, dass ein Pressevertreter aufhört, ihn mit einem Blitzlicht zu fotografieren: "Beim Sondergericht wurde auch nicht fotografiert." Als schließlich Polizisten die Personalien des weiter fotografierenden Journalisten aufnehmen wollen, verlassen er und seine Kollegen unter Protest den Saal.

Das Urteil der Spruchkammer vom 24. November 1948 ist im Vergleich zu vielen anderen Sprüchen im Rahmen der Entnazifizierung bemerkenswert deutlich: Es lautet auf vier Jahre und drei Monate Arbeitslager sowie empfindliche Geldbußen zur Sühne. Hermann Cuhorst gilt als Hauptschuldiger, es ist die höchste Kategorie, in die ein Angeklagter eingeordnet werden kann. In einer Überprüfung wird das Urteil bestätigt und das Strafmaß sogar auf sechs Jahre erhöht. Ganz absitzen muss Cuhorst diese Zeit nicht. Seine Untersuchungshaft wird angerechnet, am 20. Dezember 1950 wird er wegen guter Führung vorzeitig entlassen.

Bis in die sechziger Jahre hinein betreibt der frühere NS-Richter dann die Revision der formellen Schuldzuweisung. Sieben Gnadengesuche reicht er ein, spricht von jahrelanger Propaganda und einer einzigartigen Hetzkampagne gegen ihn - ohne Erfolg. 1954 streitet Cuhorst mit dem Stuttgarter Finanzamt, das die Zahlung der Sühnegelder anmahnt. Er bittet um Aufschub, da ein Gnadengesuch laufe und die Forderung womöglich gegenstandslos werde. Eine Anfrage des Finanzamts bei der Stuttgarter Zentralspruchkammer ergibt allerdings, dass ein vollständiger Erlass der Sühnegelder keineswegs zu erwarten und deshalb die Vollstreckung zu vollziehen sei. Zwischen 1957 und 1965 verliert Cuhorst außerdem diverse Prozesse wegen seiner Pensionsbezüge.

Er scheitert auch mit seinem letzten Antrag auf Gnade, den der Ministerrat am 21. Mai 1968 endgültig verwirft. Cuhorst geht es zuletzt nicht mehr ums Materielle, wie sein Biograf Stefan Baur feststellt. Seit dem Tod seiner Mutter verfügte er über Immobilien und war versorgt. Cuhorst habe die formale Rehabilitation gewollt - die ihm versagt blieb. Diese harte Haltung der Behörden bleibt indes laut Baur in der insgesamt unbefriedigenden Aufarbeitung der NS-Justiz nach dem Krieg ein Einzelfall.

Der Artikel wurde am 18. Juli 2005 in der Stuttgarter Zeitung veröffentlicht. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der StZ.

Vor dem Gerichtssaal: "Voilà, meine Herren, auf zur Schlachtbank!"

Jahrzehnte lang beschäftigen sich die Behörden mit dem fanatischen NS-Richter Hermann Albert Cuhorst

Von Lukas Jenkner

So hat das Landesfahndungsamt Cuhorst 1947 abgelichtet.
So hat das Landesfahndungsamt Cuhorst 1947 abgelichtet, Repro: factum/Weise.