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Landesarchiv >> Staatsarchiv Ludwigsburg >> Aktuelles der Abteilung >> Frisch entstaubt >> Auch tausende von kranken Kinder fallen dem NS-Rassenwahn zum Opfer

Auch tausende von kranken Kinder fallen dem NS-Rassenwahn zum Opfer

Karl Lempp, der Leiter der Stuttgarter Kinderheime, wird vom Vorwurf der Euthanasie freigesprochen

Von Lukas Jenkner

Der Mediziner Karl Lempp ist Mitglied in der NSDAP gewesen.
Der Mediziner Karl Lempp ist Mitglied in der NSDAP gewesen, Repro factum.

"Nach Überprüfung der mir auf meine Bitte kürzlich übersandten Befundberichte einer Anzahl von Kindern, die sich zurzeit in württembergischen Anstalten befinden, haben die Gutachter des Reichsausschusses bei einer Reihe dieser Kinder eine Behandlung im bekannten Sinne für erforderlich gehalten." In gestelztem Bürokratendeutsch wendet sich am 12. Juni 1944 die zuständige Berliner Reichsbehörde an das württembergische Innenministerium. Was die Formulierung "im bekannten Sinne" tatsächlich bedeutet, wird im Blick auf den Gesamtzusammenhang klar.

Es geht um eines der dunkelsten Kapitel der Naziherrschaft, die so genannte "Euthanasie", die planmäßige Ermordung geisteskranker und behinderter Menschen. Hier betrifft es konkret die Kindereuthanasie, die während des gesamten Zweiten Weltkrieges betrieben wurde. Nach vorsichtigen Schätzungen sollen in dieser Zeit rund 5000 Kinder umgebracht worden sein. Die Zentren dieser Kindereuthanasie waren so genannte Kinderfachabteilungen, die im Laufe der Jahre in vielen deutschen Städten eingerichtet wurden, zum Teil zunächst, um tatsächlich die Heilungschancen der Kinder zu erhöhen, schließlich aber, um die Tötung besser organisieren zu können.

Wie auch bei der systematischen Ermordung tausender erwachsener Behinderter und Kranker befanden geheime Reichsbehörden in Berlin anhand von Krankengeschichten, die von den Heimen und Kinderfachabteilungen übermittelt werden mussten, über das Schicksal der Kinder. In diesen Zusammenhang gehört auch das Schreiben aus Berlin vom 12. Juni 1944. Im Klartext bedeutet es für die aufgeführten Kinder das Todesurteil.

Wissen dürfen dies die Angehörigen natürlich nicht. Weiter heißt es in dem Brief, dass den betroffenen Eltern mitgeteilt werden solle, ihre Kinder würden in eine Heilerziehungsanstalt gebracht. Diese Bezeichnung "dürfte zudem eine Verlegung der in Frage kommenden Kinder gegenüber den Angehörigen erleichtern". Es wird getäuscht und gelogen, um die Tötungen zu verheimlichen.

In manchen Fällen geht dies jedoch gründlich schief. Im Herbst 1943 soll ein behindertes elfjähriges Mädchen in die Kinderfachabteilung Eichberg am Rhein verlegt werden - mit unzweifelhafter Absicht. Doch weil das Kind inzwischen in einem Heim in Winnenden lebt, wird die Berliner Anfrage an die dortige Direktion weitergeleitet.

Am 22. November 1943 schreibt deshalb der Berliner Reichsausschuss ans Stuttgarter Innenministerium: "Selbstverständlich ist es unerwünscht, wenn derartige Schreiben des Reichsausschusses einer Anstaltsdirektion zugeleitet werden, die nicht über unsere Bestrebungen unterrichtet ist." Der Brief enthält schließlich eine Aktennotiz, dass man davon absehe, das Kind zu verlegen, weil die Eltern sehr besorgt seien und vermutlich Aufsehen erregen würden, verschwände das Mädchen plötzlich spurlos.

Erhalten sind diese Schriftsätze in der Akte zum Spruchkammerverfahren gegen Karl Lempp, die heute im Ludwigsburger Staatsarchiv liegt. Der öffentliche Kläger sieht nach dem Krieg ausreichend Hinweise darauf, dass der Obermedizinalrat und Leiter der Stuttgarter Kinderheime in die Kindereuthanasie verwickelt war und klagt den 66-Jährigen deshalb an. Am 30. Dezember 1947 spricht die Stuttgarter Kammer ihr Urteil: Karl Lempp wird als Mitläufer eingestuft und muss 2000 Reichsmark Sühnebeitrag leisten - es ist die Mindeststrafe für solche Fälle. Der Mediziner war Mitglied der NSDAP sowie mehrerer Gliederungen der Partei gewesen und hatte sich, so die Spruchkammer, anfänglich von nationalsozialistischen Phrasen über Volksgemeinschaft, Gemeinnutz und Fürsorge "betören lassen". Weiter hinten in der Urteilsbegründung kommt dann der für Karl Lempp entscheidende Satz: "Dass der Betroffene bei der Vernichtung lebensunwerten Lebens nicht mitgewirkt hat, ist einwandfrei erwiesen."

Hat es nun eine solche Kinderfachabteilung auch in Stuttgart gegeben, und war Karl Lempp in die Kindereuthanasie verwickelt oder nicht? Die Spruchkammer hat diese Fragen eindeutig verneint. Der Theologe und Sozialpädagoge Ernst Klee kommt hingegen in seinem 1983 erschienenen und bis heute populären Buch "Euthanasie im NS-Staat" zu einem ganz anderen Ergebnis. Er listet zahlreiche dieser Kinderfachabteilungen in ganz Deutschland auf, auch der Eintrag "Stuttgart Städtisches Kinderheim, Leiter Dr. Lempp" findet sich.

Ernst Klee stützt sich dabei vor allem auf die Aussagen von Hans Hefelmann und Werner Heyde, die als hochrangige Berliner Euthanasie-Gutachter maßgeblich an der Mordaktion beteiligt waren. Werner Heyde hatte sich nach dem Krieg unter falschem Namen eine neue Existenz aufgebaut und wurde 1959 enttarnt. Nach einer mehrtägigen Flucht stellte er sich der Justiz. Verhandelt wurde sein Fall jedoch nie: Heyde beging im Februar 1964 Selbstmord. Hans Hefelmann wiederum wurde seinerzeit für verhandlungsunfähig erklärt.

Die Aussagen Heydes und Hefelmanns seien ungenau gewesen, hat hingegen der Historiker Rolf Königstein im vergangenen Jahr geschrieben. Ernst Klee und weitere Autoren lägen deshalb falsch mit der Annahme, es habe in Stuttgart eine Abteilung für die Tötung behinderter Kinder gegeben. Zwar sei durchaus versucht worden, in der Stadt eine Kinderfachabteilung einzurichten, doch seien die Berliner von den zuständigen württembergischen Behörden und letztlich auch von Karl Lempp so lange hingehalten worden, bis die Angelegenheit im Sande verlief.

Folgerichtig habe deshalb die Stuttgarter Spruchkammer den Obermedizinalrat, der wegen der Vorwürfe gegen ihn auch eine Zeit lang interniert war, 1947 entlastet. Dass bis zum Tode Lempps im Jahr 1960 keine Anzeige wegen der Kindereuthanasie gegen den Arzt bei den Behörden einging, wertet Königstein ebenfalls als Hinweis darauf, dass es schlicht nichts anzuzeigen gab. Schließlich sei der gesamte Komplex im Jahr 1963 nochmals aufgerollt worden, als gegen Magdalena Schütte, die damalige Vertreterin Lempps, ermittelt wurde. Dieses Verfahren sei jedoch am 5. Juli 1963 eingestellt worden.

Diese unterschiedliche Interpretation der vorhandenen Quellen zeigt, wie schwierig es heute für Historiker ist, das tatsächliche Geschehen zu erfassen. Einzelne Dokumente geben Hinweise, ein Gesamtbild zeichnen sie in der Regel nicht. Ebenso kritisch müssen Aussagen von Betroffenen, vor allem von Angeklagten, bewertet werden. Viele vermochten oder wollten sich nicht mehr erinnern. Andere erinnerten sich falsch. Letztlich bleiben im Rückblick viele Fragen offen, die wohl nie mehr zu beantworten sind.


Der Artikel wurde am 25. Juli 2005 in der Stuttgarter Zeitung veröffentlicht. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der StZ.

Dokumente zum Fall Karl Lempp

Die Akte Karl Lempp kann im Staatsarchiv Ludwigsburg unter der Signatur EL 902/20 Bü 95474 bestellt und eingesehen werden. Der Lesesaal ist unter der Telefonnummer 07141/18-6337 erreichbar.