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Landesarchiv >> Staatsarchiv Ludwigsburg >> Aktuelles der Abteilung >> Frisch entstaubt >> Gnadenerlass für einen Gnadenlosen

Gnadenerlass für einen Gnadenlosen

Der "Big Nazi" Richard Aeckerle

Von Lukas Jenkner

Richard Aeckerle, Repro factum.
Richard Aeckerle, Repro factum.

Am 6. Juni 1941 sei sie morgens verhaftet worden, beginnt die Ludwigsburgerin Margarete Tietze (Name geändert) ihren Bericht vor der Spruchkammer. Das Drama, das sich einen Tag später in der Stadt abspielt, gibt das Protokoll der Verhandlung mit dürren Worten nur ungenügend wieder. Sie sei gemeinsam mit einer ebenfalls verhafteten Kollegin in ihre Firma geführt worden, berichtet Tietze. Dort warten bereits ein Friseur und Richard Aeckerle, der Kreisleiter der Deutschen Arbeitsfront (DAF). Die Frauen werden kahl geschoren und bekommen ein Schild umgehängt: "Ich bin eine ehrlose Frau" steht darauf geschrieben. Monatelang haben Margarete Tietze und ihre Kollegin im Verdacht gestanden, intime (und unerwünschte) Beziehungen zu französischen Kriegsgefangenen zu unterhalten. Nun sieht Aeckerle offenbar den richtigen Zeitpunkt gekommen, um an den beiden Frauen ein Exempel zu statuieren. Sie habe sich gegen die Schur nicht gewehrt, sagt Margarete Tietze: "Ich konnte nicht sprechen." Ein Fotograf hält die Aktion fest.

Zusammengebrochen sei sie, als es plötzlich hieß, sie müsse nun durch die Stadt marschieren, erzählt Tietze. Aeckerle fackelt nicht lange: "Da schrie er: Schüttet Wasser auf sie." Dann beginnt der Spießrutenlauf: "Der Weg führte von Franck über den Bahnhof rechts rauf, dann durch die Stadt, am Arsenalplatz vorbei, bis zum Marktplatz." Flankiert werden die gedemütigten Frauen von mehreren Dutzend Schaulustigen, die offenbar zum Teil eigens zu dem geschmacklosen Spektakel delegiert worden sind. Auf dem Marktplatz alarmiert dann ein Soldat auf Fronturlaub den Oberbürgermeister Karl Frank. Dieser setzt dem Treiben ein Ende.

Fast genau sieben Jahre später muss sich Richard Aeckerle wegen seiner Arbeit als DAF-Kreisleiter vor der Spruchkammer zur Entnazifizierung verantworten. In seinen Meldebogen hat Aeckerle am 9. März 1947 einen bemerkenswerten Satz geschrieben: Nach dem Entnazifizierungsgesetz "fühle ich mich nicht schuldig, bin kein Kriegsverbrecher oder Nutznießer". Er bitte um bevorzugte Entlassung aus dem Internierungslager, er sei schwer herzleidend und seit dem 5. Juni 1946 in Haft. Diese Selbsteinschätzung ist deshalb so erstaunlich, weil sie im völligen Gegensatz zum Treiben Aeckerles während des Dritten Reiches steht. Was der gebürtige Kornwestheimer vielmehr gewesen ist, hat ein Mitarbeiter der US-Militärregierung handschriftlich schon fast lakonisch in der Akte notiert: Aeckerle sei ein "Big Nazi" - ein großer Nazi.

Repro factum.
Repro factum.

Denn die Demütigung der beiden Frauen wegen angeblicher "Rassenschande" ist der zweifellos spektakulärste Vorfall, für den Richard Aeckerle verantwortlich ist, aber keineswegs der einzige. Der Kornwestheimer war bereits seit 1931 Mitglied der NSDAP und von 2. Mai 1933 Kreisobmann der DAF. Er besaß einen Rednerschein und hielt in vielen Sälen im Kreis Ludwigsburg Vorträge zu einschlägigen Themen wie "Deutschlands Sieg - Europas Freiheit". Entsprechende Tiraden waren auch über die Lautsprecher diverser Betriebe, unter anderem in der Kornwestheimer Schuhfabrik Salamander, zu hören. Angestellte und Arbeiter bekamen Schwierigkeiten mit Aeckerle, wenn sie jüdische Ehefrauen hatten, einige wurden von dem "alten Kämpfer" bei der Gestapo denunziert, zum Teil verloren sie ihre Arbeit. Und wenn es um Kriegsgefangene ging, wurde Richard Aeckerle auch gern einmal deftig: Das "Ausländerpack" solle "zu fressen" bekommen und im Übrigen einen "Tritt in den Arsch".

Als die Spruchkammer nach dem Krieg gegen den internierten Aeckerle ermittelt, offenbart dieser, dass er kaum anders denkt als wenige Jahre zuvor. Große Teile der weiblichen Arbeiterschaft hätten seinerzeit mit den Gefangenen "geliebäugelt", so Aeckerle, zum Ludwigsburger Vorfall befragt. Dies sei ein Ärgernis und seiner Meinung nach Ausdruck "animalischen Trieblebens" gewesen, sagt er in einer Vernehmung. Während der Spruchkammerverhandlung, die am 31. Mai 1948 stattfindet, rechtfertigt Aeckerle sein Treiben mit einer damals üblichen Begründung: Es habe von der Gauleitung den Befehl gegeben, Kontakte zwischen Deutschen und Ausländern zu unterbinden. Aeckerle: "Ich war das Werkzeug der Gestapo." Er habe immer nur Befehle ausgeführt.

Dass seine ursprüngliche Auffassung, er sei nach dem Befreiungsgesetz unschuldig, kaum zu halten sein würde, dürfte Richard Aeckerle zu diesem Zeitpunkt bereits geschwant haben. Sein Verteidiger jedenfalls beantragt am Ende der Verhandlung, den ehemaligen DAF-Kreisobmann als "Belasteten" einzustufen. Der öffentliche Kläger hingegen will Aeckerle als "Hauptschuldigen" zu sechs Jahren Arbeitslager verurteilt sehen. Die Spruchkammer stuft Aeckerle schließlich als "Belasteten" ein und verurteilt ihn zu fünf Jahren Arbeitslager. Die bisherige Haftzeit wird nicht angerechnet.

Im Vergleich zu anderen Verfahren ist dies ein deutliches Urteil - das nicht lange Bestand hat. Einige Wochen nach der Verhandlung, am 16. Juli 1948, legt Richard Aeckerle Berufung gegen das Urteil ein. Er erreicht immerhin, dass das Strafmaß um ein halbes Jahr verringert und seine bisherige Internierung angerechnet wird. Die verbleibende Haftzeit reduziert sich damit deutlich: Immerhin hatte er seit Juni 1945 gesessen. Fast genau vier Jahre später, am 4. Juni 1949, kommt Aeckerle wieder frei - durch einen Gnadenerlass. Der Lagerarzt hatte ihm zuvor massive Herzbeschwerden bescheinigt.

Verbunden sind Richard Aeckerles Schreiben immer mit der Bitte, ihn den Sühnebetrag entweder in Raten zahlen zu lassen oder ihn bestenfalls ganz zu erlassen. Im September 1953 hat Aeckerle schließlich Erfolg: Das Justizministerium verzichtet darauf, den restlichen Sühnebetrag einzuziehen.

Die beiden Frauen, die Richard Aeckerle im Juni 1941 durch die Straßen Ludwigsburgs jagen ließ, haben dafür nie eine Entschädigung bekommen, wie die Berliner Autorin Katharina Schuler vor zwei Jahren recherchiert hat. Beide Frauen waren seinerzeit zu jeweils 16 Monaten Gefängnis verurteilt worden, von denen sie 14 Monate absitzen mussten. Der Ehemann einer der beiden Frauen ließ sich scheiden. "Heute bin ich wieder verheiratet - weinend -, ich habe heute noch vor meinem ersten Mann Angst", wird die Aussage der Frau während der Verhandlung protokolliert.

Die in ganz Deutschland nach dem Krieg angestrengten Verfahren - die beiden Ludwigsburger Frauen sind natürlich kein Einzelfall gewesen - blieben ohne Erfolg. Eine Entschädigung sei nur bei Verfolgung aus politischen, rassischen, religiösen oder weltanschaulichen Gründen möglich, wurde von den Gerichten seinerzeit argumentiert. Eine Strafe wegen des Umgangs mit Kriegsgefangenen falle nicht darunter.

Der Artikel wurde am 29. Juli 2005 in der Stuttgarter Zeitung veröffentlicht. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der StZ.

Dokumente zum Fall Richard Aeckerle

Die Akte Richard Aeckerle kann im Staatsarchiv Ludwigsburg unter der Signatur EL 902/15 Bü 95 und EL 903/2 Bü 238 bestellt und eingesehen werden. Der Lesesaal ist unter der Telefonnummer 07141/18-6337 erreichbar.