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Landesarchiv >> Hauptstaatsarchiv Stuttgart >> Digitale Präsentationen >> Archivale des Monats 2000–2010 >> Archivale des Monats November 2006

Archivale des Monats November 2006

Klaus Mehnert (1906 - 1984). Publizist - Politologe - Professor

Anlässlich des 100. Geburtstages des Publizisten und Politologen Professor Dr. Klaus Mehnert zeigt das Hauptstaatsarchiv Stuttgart, das dessen schriftlichen Nachlass verwahrt, im Rahmen der Reihe "Archivale des Monats" eine kleine Ausstellung zu Leben und Werk Mehnerts.

Klaus Mehnert bei einem Vortag
Klaus Mehnert bei einem Vortrag

Von Moskau ins Schwabenland - Kindheit und Jugend 1906-1925

Klaus Mehnert wurde am 10. Oktober 1906 in Moskau als Sohn deutschstämmiger Eltern geboren. Die Eltern entstammten beide wohlhabenden Familien, die seit dem 19. Jahrhundert in Russland lebten. Hermann Mehnert, der Vater Klaus Mehnerts, betrieb zusammen mit seinem Bruder Wilhelm in Moskau die Typo-Lithographie Mehnert. Die Mutter Luise Mehnert geb. Heuss, entstammte einer aus Württemberg eingewanderten Familie. Ihr Vater Julius Heuss war Inhaber der Moskauer Schokoladenfabrik Einem. Klaus Mehnert wuchs in einem großbürgerlichen Umfeld in Moskau auf und wurde gleichermaßen von der deutschen und der russischen Kultur geprägt.

Der Beginn des Ersten Weltkrieges veränderte die Lebenssituation der Familie Mehnert und die vieler Deutschrussen schlagartig. Da die Angehörigen der Familien Mehnert und Heuss die deutsche Staatsangehörigkeit bis auf wenige Ausnahmen behalten hatten, waren sie gezwungen, Russland zu verlassen. Hermann Mehnert verließ Ende Juli Moskau und reiste auf teils abenteuerlichen Wegen über Finnland und Schweden nach Deutschland, um sich dort bei seinem Regiment zu melden. Weil er auf keinen Fall gegen seine bisherige Heimat Russland kämpfen wollte, kam er an der Westfront zum Einsatz. Er fiel im Sommer 1917 in Flandern.

Luise Mehnert, die zu Beginn des Ersten Weltkrieges Russland verlassen hatte, siedelte mit ihren drei Söhnen nach Stuttgart um, wo sie in bescheidenen Verhältnissen lebte. Der Besitz der Familien Mehnert und Heuss war nach der Oktoberrevolution 1917 enteignet worden.

WEihnachten bei Familie Mehnert
Heiligabend bei Familie Mehnert in Rastargujewo

Studium und erste berufliche Stationen, die ersten Weltreisen 1925-1941

Klaus Mehnert besuchte das Eberhard-Ludwig-Gymnasium in Stuttgart. Dort legte er im Jahre 1925 als Jahrgangsbester das Abitur ab. In München und Berlin studierte er Geschichte mit dem Schwerpunkt osteuropäische Geschichte. Zu seinen Lehrern in Berlin gehörte der Ostforscher und konservative Politiker Otto Hoetzsch (1876-1946), den sich Mehnert in vielerlei Hinsicht zum Vorbild nahm. Bei Hoetzsch wurde Mehnert im Jahre 1928 mit der Dissertation Der Einfluß des russisch-japanischen Krieges auf die große Politik promoviert. 1928 bis 1929 studierte er an der University of California in Berkeley, wo er auch seine spätere Ehefrau Enid Keyes kennen lernte, die dort englische Literatur studierte.

Dem Studium schloss sich eine längere Reise nach Japan, China und in die Sowjetunion an. Sie war die erste von mehreren Weltreisen, die Mehnert im Laufe seines Lebens unternahm. Möglichst viel aus eigenem Erleben zu verstehen und das Erkannte anderen weiterzugeben (Ein Deutscher in der Welt S. 347), waren Mehnerts Motive für die zahlreichen Reisen, die er im Laufe seines Lebens unternahm. Die Eindrücke und Erfahrungen, die er auf seinen Reisen sammelte, verarbeitete Mehnert häufig in seinen Büchern, Artikeln, Rundfunk- und Fernsehbeiträgen und in seinen Vorlesungen und Seminaren.

1929-1931 übte Mehnert die Funktion eines Sekretärs des Deutschen Akademischen Austauschdienstes aus. 1931 bis 1934 war er Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft zum Studium Osteuropas und zugleich Schriftleiter der Zeitschrift "Osteuropa". In den Jahren 1934 bis 1936 lebte er als Korrespondent deutscher Zeitungen in Moskau. 1936 bereiste Mehnert zusammen mit seiner Ehefrau China, Japan und Amerika. Einzelne auf dieser Reise angefertigte Fotos werden in der Ausstellung gezeigt.

1936 bis 1937 lehrte Mehnert als Gastdozent an der University of California in Berkeley. Im Jahre 1937 erhielt er eine Professur für Politische Wissenschaft und Neuere Geschichte an der University of Hawaii. Da abzusehen war, dass Deutschland gegen die Vereinigten Staaten in den Krieg eintreten wird, verließ er Hawaii. Er wollte auf keinen Fall amerikanischer Staatsbürger werden oder als Emigrant gelten.

Klaus Mehnert im Talar
Klaus Mehnert im Talar eines Professors der University of Hawaii

Mehnerts Arbeit in Schanghai 1941-1946

Daher nahm Mehnert das Angebot des Auswärtigen Amtes an, in dessen Auftrag in Schanghai die englischsprachige Zeitschrift The XXth Century herauszugeben. Die politische und kulturelle Zeitschrift trat für die Ziele der nationalsozialistischen Politik ein und fand vor allem in Ostasien Verbreitung. Neben seiner journalistischen Arbeit nahm Mehnert noch Lehraufträge an der Deutschen Medizinischen Akademie und an der St. Johns University in Schanghai wahr. Nach dem Einmarsch der Amerikaner und der Truppen Tschiang Kai-scheks in Schanghai wurde Mehnert zusammen mit anderen China-Deutschen zunächst in Kiangwan bei Schanghai interniert. Auf dem amerikanischen Truppenschiff "Marine Robin" gelangte er nach Deutschland, wo er auf dem Hohenasperg und in Oßweil interniert war.

Klaus Mehnert im Internierungslager
Klaus Mehnert im Internierungslager in Kiangwan bei Schanghai

"Die goldenen Jahre im Funk und im Fernsehen" - Mehnerts Arbeit als Journalist 1949-1961

Nach seiner Entlassung arbeitete Mehnert für das von Eugen Gerstenmaier gegründete Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland und für das Büro für Friedensfragen. 1949 bis 1954 war er Chefredakteur der Zeitschrift "Christ und Welt". In den Jahren 1951 bis 1975 hatte er erneut die Schriftleitung der Zeitschrift "Osteuropa" inne.

Die goldenen Jahre im Funk (Ein Deutscher in der Welt, S. 318) begannen für Mehnert 1949, als der Bayerische Rundfunk ihn als Kommentator engagierte. Ab 1950 sprach Mehnert regelmäßig Kommentare für den Süddeutschen Rundfunk (SDR). Als in den sechziger Jahren das Fernsehen zunehmend an Bedeutung gewann, war Mehnert auch für das ZDF seit 1963 als politischer Kommentator tätig. Mit seinen Kommentaren in Funk und Fernsehen erreichte er ein großes Publikum. Seine Kommentare galten als Institution und waren beim Publikum sehr beliebt, was nicht zuletzt die zahlreichen Hörer- und Zuschauerbriefe, die sich in seinem Nachlass erhalten haben, beweisen.

Professor für Politische Wissenschaft in Aachen 1961-1972, Mehnerts Bücher

Waren die Jahre 1949 bis 1961 hauptsächlich von der journalistischen Arbeit bestimmt, so waren die sechziger Jahre von der Hochschularbeit Mehnerts geprägt. Als Mehnert im Jahre 1961 von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen das Angebot erhielt, eine Professur für Politische Wissenschaft zu übernehmen, nahm er unter der Bedingung an, dass er jedes vierte Semester für seine Reisen freigestellt werde. Die Kosten für die Lehramtsvertretungen übernahm Mehnert. Die RWTH und Mehnert einigten sich auf diese ungewöhnliche Regelung (Ein Deutscher in der Welt S. 339). In Mehnerts Zeit als Professor fielen auch die Studentenunruhen. Mehnert hat diese seit Beginn der sechziger Jahre in Deutschland und den Vereinigten Staaten beobachtet und untersucht. Das Ergebnis seiner Analysen veröffentlichte er in dem Buch Jugend im Zeitbruch. 1972 wurde Mehnert auf eigenen Wunsch emeritiert. Im selben Jahr verlegte er seinen Hauptwohnsitz nach Schömberg bei Freudenstadt. Klaus Mehnert starb am 2. Januar 1984 in Freudenstadt.

Mit seinen Büchern erreichte Mehnert eine Gesamtauflage in Millionenhöhe; hier seien seine erfolgreichsten erwähnt:: Der Sowjetmensch (1958), Peking und Moskau (1962), Der deutsche Standort (1967), China nach dem Sturm (1971), Jugend im Zeitbruch (1976), seine Lebenserinnerungen Ein Deutscher in der Welt (1981) und Über die Russen heute. Was sie lesen, wie sie sind (1983). Einige dieser Bücher " wie China nach dem Sturm und Der Sowjetmensch " wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Eine Vitrine in der Ausstellung gibt einen Eindruck von der Verbreitung von Mehnerts Büchern.

Klaus Mehnert im Seminar
Klaus Mehnert bei einem Kolloquium der RWTH Aachen

Vom Deutschnationalen zum überzeugten Demokraten - der Wandel der politischen Überzeugungen Mehnerts im Laufe seines Lebens

Klaus Mehnert vertrat im Laufe seines Lebens unterschiedliche politische Positionen: In den zwanziger und dreißiger Jahren war Mehnert - wie sein Lehrer und Vorbild Otto Hoetzsch - deutschnational und patriotisch eingestellt. Die Beseitigung des Versailler Vertrages sah Mehnert als vorrangiges Ziel der deutschen Außenpolitik an. In dieser Zeit hatte er - wie er in seinen Lebenserinnerungen beschreibt (Ein Deutscher in der Welt, S. 100-122) - Kontakte zu Otto Strasser (1897-1974), dem Vertreter der nationalsozialistischen Linken. Die von Mehnert im Auftrag des Auswärtigen Amtes in Schanghai herausgegebene Zeitschrift The XXth Century trat für die Ziele der nationalsozialistischen Außenpolitik ein, hielt sich jedoch mit offen rassistischen und antisemitischen Äußerungen zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Mehnert ein Verfechter der Demokratie in Deutschland. Politisch stand er in den fünfziger Jahren der CDU nahe. Er befürwortete vor allem die Einbindung der Bundesrepublik in den Westen. Die Sowjetunion und den Ostblock lehnte er ab. Dabei legte er großen Wert auf die Unterscheidung zwischen der Sowjetunion und dem russischen Volk. Mehnert betonte immer wieder, dass er das Sowjetregime und dessen Politik zwar ablehne, das russische Volk und die russische Kultur aber schätze. In den siebziger Jahren trat Mehnert für die Ostpolitik Willy Brandts ein, was ihm einige seiner alten Freunde verübelten. Angebote von Parteien, ein politisches Amt zu übernehmen, lehnte Mehnert ab. Für ihn war die journalistische und publizistische Arbeit unvereinbar mit einem politischen Amt. Der Journalist sollte nach Mehnert die politischen Ereignisse ohne Rücksicht auf parteipolitische Bindungen kommentieren.

Die Ausstellung

Die Ausstellung im Rahmen der Reihe "Archivale des Monats" gliedert sich in fünf Kapitel. Das erste Kapitel hat die Herkunft Mehnerts zum Thema. Im zweiten Kapitel wird die journalistische und publizistische Arbeit Mehnerts, in Kapitel 3 seine Lehrtätigkeit als Professor gewürdigt. Das vierte Kapitel widmet sich den zahlreichen Reisen. Das fünfte Kapitel befasst sich mit Mehnerts Kontakten zu prominenten Persönlichkeiten.

Brief Boris Pasternaks an Klaus Mehnert
Brief Boris Pasternaks an Mehnert

Literatur

Klaus Mehnert: Ein Deutscher in der Welt. Erinnerungen 1906-1981. Stuttgart 1981.
Winfried Böttcher: [Artikel über] Klaus Mehnert. In: Neue Deutsche Biographie (NDB) Bd. 16. Berlin 1991. S. 623.