»Neugier war mein Job«
Landespolitik und Zeitgeschehen in Pressebildern von Burghard Hüdig

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Einem geschenkten Gaul …

Ausstellung Burghard Hüdig: Kurzgeschichte Fritz Knepper
„Eulenspiegel“ Ernst Knepper wird abgeführt. Die schmunzelnden Gesichter zeigen, dass die Zwangsmaßnahme in entspannter Atmosphäre ablief. 7. Februar 1973
(LABW, HStAS Q 2/50 Nr. 6048-35)

Am Morgen des 7. Februar 1973 erhielt der Ingenieur Ernst Knepper eher unerfreulichen Besuch. Der Gerichtsvollzieher stand vor der Tür seines Hauses in Plattenhardt. Ihm wurde eröffnet, dass er Prozesskosten in Höhe von rund 500 DM zu bezahlen habe. Da der Gerichtsvollzieher nichts Pfändbares vorfand, sollte Knepper von zwei Polizisten festgenommen werden. Doch er weigerte sich, den Polizisten aus eigenem Antrieb zu folgen und blieb einfach auf seinem Sofa sitzen. Nach kurzer Beratung zwischen Polizei und Gerichtsvollzieher wurde er in das bereitstehende Polizeiauto getragen. Die justizielle Maßnahme hatte Knepper allerdings nicht ganz unerwartet getroffen, war der Gerichtsvollzieher doch von einer Schar Pressevertreter und Fotografen, unter ihnen auch Burghard Hüdig, begleitet worden. Warum aber diese große mediale Aufmerksamkeit für eine relativ banal erscheinende Amtshandlung?

Vorausgegangen war eine jahrelange Fehde zwischen Knepper und der Leitung der ehrwürdigen Stuttgarter Kunstakademie. Knepper hatte der Kunstakademie im Jahr 1970 einen Großrechner aus einer veralteten Serie der Firma SEL als Geschenk angeboten, um ihn als Lehrmittel für Umweltplanung einzusetzen. Akademieleiter Herbert Hirche hatte das freundliche Angebot allerdings dankend abgelehnt. War ihm Knepper doch schon zuvor unangenehm aufgefallen, indem er ohne Lehrauftrag einen Kursus im Fachbereich Umweltplanung abgehalten und danach noch die Stirn besessen hatte, ein Honorar in Höhe von 6.000 DM einzufordern.

Knepper war freilich nicht der Mann, der sich von einem Nein abschrecken ließ. Am Sonntag, dem 14. November 1971, drang er mit Unterstützung einiger Studenten in die Ausstellungsräume der Akademie ein und deponierte dort in einer staunenswerten Nacht- und Nebelaktion Elektronikbauteile im Gesamtgewicht von rund 25 Tonnen! Rektor Hirche und das Land, vertreten durch das Kultusministerium, aber wollten das Danaergeschenk auch weiterhin nicht annehmen. Es fehle an Räumlichkeiten und Personal, um die Maschine zu bedienen. Außerdem argwöhnte man, dass Knepper versuche … auf diese Weise, sich an der Akademie niederzulassen. Trotz Beugehaft kam der "Schenker" der Aufforderung zum Abtransport der Rechenanlage nie nach und die Akademie musste sie später auf eigene Kosten entsorgen. So verpasste sie 1971 die Chance, als erste Kunsthochschule der Welt einen Computer in Forschung und Lehre einzusetzen. Dies geschah dann 1972 am Londoner University College.