
08.09.2011
Einen außerordentlichen Fund kann das Staatsarchiv Ludwigsburg vermelden: Auf dem Dachboden des Finanzamts Bad Mergentheim wurden die Akten von mehr als 100 Gewerbebetrieben im Besitz von Juden oder steuerpflichtigen jüdischen Bewohnern des ehemaligen Oberamtes bzw. Kreises Mergentheim entdeckt. Die Vorakten reichen bis in die Kaiserzeit zurück, der überwiegende Teil aber datiert aus der Zeit von 1924 bis 1941/42, also bis zur Deportation der Juden, die nicht mehr hatten emigrieren können. Jüdische Steuerakten aus der Zeit des Dritten Reiches haben sich – nach bisherigem Kenntnisstand – nur bei ganz wenigen Finanzämtern erhalten. Der überwiegende Teil des Schriftguts ist vernichtet worden. Das Staatsarchiv Ludwigsburg verwahrt bislang nur zwei kleinere Bestände aus den Finanzämtern Heilbronn und Schwäbisch Gmünd. Insofern besitzt der Aktenfund große Bedeutung nicht nur für die lokale Forschung. Die meisten der in Bad Mergentheim aufgefundenen Unterlagen stammen aus der ehemaligen Kreisstadt, aber auch aus sieben weiteren Gemeinden im Umland sind Gewerbe-, Umsatz-, Einkommens- und Vermögenssteuerakten aufgetaucht. Dazu kommen noch Untersuchungsakten und Straflisten - nicht nur - jüdischer Firmen. Auch die nach der Reichspogromnacht im Jahr 1938 verfügte Judenvermögensabgabe ist mehrfach dokumentiert. Der Bestand ist nicht vollständig; so fehlen beispielsweise die Akten von Hermann Stern und Artur Rosenfeld aus Creglingen, die bereits im Frühjahr 1933 den Übergriffen eines SA-Trupps zum Opfer gefallen sind; sie sind aber wohl irgendwann ausgeschieden und vernichtet worden. Was den Fund noch aussagekräftiger und wertvoller macht, sind Dokumente, die es sonst in Nordwürttemberg anscheinend nicht mehr gibt: Die Handakten des zuständigen Beamten zeigen, dass und auf welche Weise in manchen Orten der Besitz der Deportierten versteigert wurde. Man erfährt, wer was wo und wann zu welchem Preis erwarb. Zudem gibt es für 1943/44 eine Einnahmen- und Ausgabenliste über die "Judenvermögen". Die gefundenen Dokumente dokumentieren an Einzelbeispielen den Ausplünderung der Juden durch die Finanzverwaltung und den wirtschaftlichen Abstieg der Betroffenen; sie bieten damit einen einzigartigen Einblick in die Praxis der antisemitischen Politik des Dritten Reiches auf regionaler Ebene und ermöglichen es zudem, das Schicksal mancher jüdischer Bürger genauer als bisher nachzuzeichnen. Die Akten bilden künftig den Bestand K 28 im Staatsarchiv Ludwigsburg und können unter Beachtung der archivrechtlichen Bestimmungen im Lesesaal des Staatsarchivs Ludwigsburg eingesehen werden. Auch eine Anfertigung von Kopien einzelner Akten ist möglich. Ein Online-Findbuch zum Bestand ist verfügbar. Weitere Informationen: Tel. 07141/186328 (Dr. Martin Häußermann) |