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Aktuelles >> Presse/Berichte >> Archivale des Monats August 2019

Archivale des Monats August 2019

Ein ganzes Leben in einer Akte. Die private "Personalakte" über Rudolf Gansser (1866–1904)

Passbild des jungen Rudolf Gansser aus der "Personalakte" Hauptstaatsarchiv Stuttgart Q 2/48 Bü 30
Passbild des jungen Rudolf Gansser aus der "Personalakte" Hauptstaatsarchiv Stuttgart Q 2/48 Bü 30

Rudolf Ganssers Leben war kurz, aber ereignisreich: 1866 geboren, trat er nach dem Abitur ins württembergische Heer ein. Von 1896 bis 1901 wirkte Gansser als Offizier in Deutsch-Ostafrika. Nach zwischenzeitlicher Rückkehr nach Württemberg wurde er im Jahr 1904 als Kompaniechef nach Deutsch-Südwestafrika kommandiert. Er beteiligte sich dort an der Niederschlagung des Aufstandes der Herero, die sich gegen die Unterdrückung durch die deutschen Kolonialherren mit Waffengewalt zur Wehr gesetzt hatten. Gansser fiel am 11. August 1904 im Alter von 38 Jahren in der Schlacht am Waterberg, die aufgrund des anschließenden Völkermords an den Herero in schrecklicher Erinnerung geblieben ist.

Die vorliegende "Akte" ist – obwohl fadengebunden – keine Personalakte im amtlichen Sinn. Sie hat einen privaten Ursprung. Bei dem Archivale handelt sich um eine Sammlung von Dokumenten zum Leben Rudolf Ganssers, die von der Familie des Soldaten angelegt wurde. Sie ist heute Teil des Nachlasses Ganssers, der im Hauptstaatsarchiv Stuttgart überliefert ist und der Korrespondenzen, Tagebücher und Fotografien umfasst.

Die in der Mappe enthaltenen Unterlagen dokumentieren die militärische Laufbahn Ganssers und seine Tätigkeit im Kolonialdienst. Von der Familie gesammelt wurden Verordnungsblätter mit Nachrichten über den Soldaten. Zeitungsartikel über Gansser sind sorgfältig eingeklebt und wichtige Dokumente in handschriftlicher Abschrift eingefügt. Ferner liegen die Beförderungspatente und die Ehrungsurkunden vor. Es finden sich in der Akte des Weiteren private, nicht mit dem militärischen Dienst verbundene Erinnerungsstücke wie die Passagierliste der Überfahrt nach Deutsch-Ostafrika oder das Zeugnis des Konservatoriums über seinen Geigenunterricht. Die Akte schließt mit einem handschriftlichen Eintrag über den Tod Ganssers in der Schlacht am Waterberg. Darüber findet sich ein Zitat Schillers "Ernst ist der Anblick der Notwendigkeit [...]." Der Vater, ein hoher württembergischer Ministerialbeamter, fand sich so mit dem frühen Tod seines Sohnes ab.

Das Archivale ist – bei allem Reichtum der historischen Dokumentation – nicht zuletzt ein schlagendes Beispiel für die Einseitigkeit, welche die in europäischen Institutionen überlieferten Quellen zur Kolonialgeschichte regelmäßig aufweisen. Die Dokumente über Ganssers Biografie nehmen, wie seine Nachlassunterlagen, zwangsläufig die Perspektive der deutschen Kolonialherren in Afrika ein. Das Unrecht der Kolonialherrschaft, das im brutalen Vorgehen gegen die Herero gipfelte, wird in diesen Unterlagen nicht angemessen thematisiert. Das Landesarchiv Baden-Württemberg bemüht sich derzeit im Rahmen der Namibia-Initiative des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg um eine Dekonstruktion dieser eurozentrischen Sichtweise sowie um ein "Revoicing" der in der hiesigen schriftlichen Überlieferung verloren gegangenen afrikanischen Stimmen.

Ein Archivale aus dem Landesarchiv Baden-Württemberg – Hauptstaatsarchiv Stuttgart Q 2/48 Bü 30.