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„Eine gelungene Ausstellung, die zeigt, warum Baden Musterland war“

Bundestagspräsident Schäuble besucht das GLA und seine demokratiegeschichtliche Präsentation

Der Präsident des Deutschen Bundestages, Dr. Wolfgang Schäuble, spricht am 12.7.2018 im GLA Karlsruhe.
Der Präsident des Deutschen Bundestages, Dr. Wolfgang Schäuble, spricht im Generallandesarchiv.

Hoher Besuch im Generallandesarchiv. Der Präsident des Deutschen Bundestages, Dr. Wolfgang Schäuble, kam am 12. Juli 2018 in das „kulturelle Gedächtnis Badens“, um die Ausstellung Demokratie wagen? Baden 1818-1919 zu besuchen und einen Vortrag über den Beitrag Badens zur rechtsstaatlichen Tradition und der demokratiegeschichtlichen Entwicklung Deutschlands zu halten. Scharfzüngig und versöhnend würdigte der Träger des zweithöchsten Staatsamts der Bundesrepublik Deutschland die Rolle des liberalen Musterländles für die deutsche Verfassungsgeschichte und politische Kultur, sparte aber nicht mit Kritik an den Irrungen und Wirrungen der Historie und der aktuellen Politik. Die badische Demokratiegeschichte nutzte Schäuble als Folie, um seinen Zuhörern in Erinnerung zu rufen, wie wichtig der Einsatz jedes Einzelnen für unsere freiheitliche Demokratie ist. Seine prägnant formulierten Aussagen, gestützt auf die reiche Erfahrung des dienstältesten deutschen Parlamentariers, sprachen die 200 Gäste nicht zuletzt durch seinen Humor und die ihm eigene Ironie an.


Großer Andrang herrschte im Generallandesarchiv. Wegen der starken Nachfrage wurde der Vortrag des Bundestagspräsidenten live in den Lesesaal des Archivs übertragen. 200 geladene Gäste wollten Schäubles Gedanken zum Thema "In guter Verfassung – Baden und das Rechtsstaats- und Demokratieprinzip" hören.


Der Präsident des Deutschen Bundestages, Dr. Wolfgang Schäuble, trägt sich am 12.7.2018 in das Goldene Buch des GLA Karlsruhe ein.
„Eine gelungene Ausstellung, die zeigt, warum Baden Musterland war“: Der Präsident des Deutschen Bundestages, Dr. Wolfgang Schäuble, trägt sich in das Goldene Buch des GLA ein.

Kenntnisreich führte Schäuble seinen Zuhörern den Stellenwert der badischen Verfassung(en) vor Augen. Wer seinen Ausführungen und ihren ironischen Zwischentönen aufmerksam folgte, konnte die Anspielungen auf aktuelle politische Vorgänge nicht überhören. Scharfsinnig ordnete Schäuble das Aufkommen politischer oder gesellschaftlicher Krisen ein. Die Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts begleiteten Globalisierung und technischer Wandel – wie heute die Digitalisierung oder die medientechnische Beschleunigung unser Leben bestimmten. Auch heute begegneten wir diesen Prozessen „mit der gleichen Mischung aus Ungewissheit, auch einem Gefühl des Unbehagens vor der Zukunft“, letztlich aber mit der „Einsicht in die Notwendigkeit, diese offene Zukunft gestalten zu müssen“. Und Schäuble fügte hinzu: „wenn wir es wollen“. Mit Blick auf die Zukunft ergänzte er: „Gesellschaftspolitische Fortschritte werden vor allem in und durch Krisen erreicht. Unter Druck.“ Am Ende aber stünde stets der Fortschritt – „dies ist mein Trost als Politiker“, bekannte der Elder Statesman und warf so schmunzelnd einen relativierenden Blick auf die Kapriolen aktueller Koalitionskrisen in Berlin. Baden sei „immer ein Verfassungsstaat, ein Hort des Liberalismus“ geblieben – trotz aller Irrwege in der Geschichte.


Prof. Dr. Wolfgang Zimmermann und der Präsident des Deutschen Bundestages, Dr. Wolfgang Schäuble, nach dessen Gastrede am 12.7.2018 im GLA Karlsruhe.
Prof. Dr. Wolfgang Zimmermann dankt dem Präsidenten des Deutschen Bundestages, Dr. Wolfgang Schäuble, nach dessen Gastrede.

Nachdenklich hob der Bundestagspräsident den Finger und mahnte eine politische Debattenkultur an, bei der andere Meinungen auszuhalten seien. Dies sei das Bindemittel einer Demokratie. Eine freiheitliche und offene Gesellschaft lebe davon, dass der Einzelne bereit sein, sich für das Gemeinwesen einzusetzen und Verantwortung zu übernehmen. Diesen Gedanken unterstrich Schäuble mit dem Hinweis auf die republikanische Verfassung Badens von 1919. Zwar hätten bei der Volksabstimmung am 13. April 1919, dem ersten Plebiszit in der deutschen Geschichte überhaupt, eine Mehrheit von über 90 Prozent der Badenerinnen und Badener die Verfassung bestätigt. Dabei hätte aber lediglich ein Drittel der Wahlberechtigten von ihrem Stimmrecht Gebrauch gemacht: „Schon damals war also die Diskrepanz zu beobachten zwischen der lautstarken Forderung nach mehr Beteiligung und der deutlich geringer ausgeprägten Bereitschaft, solche Angebote am Ende auch wahrzunehmen. „Manches“, schlussfolgerte der erfahrene Politiker, „ändert sich offenkundig nie.“ Auch nach 1945 habe man vor allem aus dem Scheitern Weimars gezogen: „Freiheit und Verantwortung müssen Hand in Hand gehen“. Schäuble erinnerte daran, dass liberale Verfassungen kein Selbstzweck und kein Selbstläufer seien: „Die Ordnung müssen wir alle mit Leben füllen“. Seinen Eintrag in des Goldene Buch des GLA schloss er mit den Worten: "Möge die Tradition auch in der Zukunft unsere freiheitliche Demokratie stärken."


Der Leiter des Generallandesarchivs, Prof. Dr. Wolfgang Zimmermann, dankte dem Ehrengast und dienstältesten Abgeordneten in der deutschen Parlamentsgeschichte herzlich für sein Kommen. Er würdigte die Ausstellung als einen wichtigen Baustein der historisch-politischen Bildungsarbeit des Landesarchivs Baden-Württemberg: „Wir machen die reichen historischen Traditionen des deutschen Südwestens – mit ihren Sternstunden, aber auch in ihren Irrwegen – für den Diskurs der Gegenwart lebendig.“ Es sei ein Anliegen des Generallandesarchivs, die Quellen zum Sprechen zu bringen, „damit die Menschen heute miteinander ins Gespräch kommen können, um durch das Nachdenken über Vergangenes die Gegenwart mit einem geschärften Blick betrachten und gestalten zu können.“


Der Vorsitzende der Landesvereins Badische Heimat e.V., Dr. Sven von Ungern-Sternberg, bei seinem Grußwort anlässlich der Gastrede des Präsidenten des Deutschen Bundestages, Dr. Wolfgang Schäuble, am 12.7.2018 im GLA Karlsruhe.
Der Vorsitzende der Landesvereins Badische Heimat e.V., Dr. Sven von Ungern-Sternberg, spricht sein Grußwort.

Der Vorsitzende des Landesvereins Badische Heimat e.V., Dr. Sven von Ungern-Sternberg, hob in seinem Grußwort die Bedeutung der Verfassung von 1818 für die badische Identität und ihren Sinn für dezentrale Lösungen hervor. Der „Geburtsurkunde des badischen Volkes“ (Karl von Rotteck) bescheinigte der frühere Freiburger Regierungspräsident eine „bewusstseinsprägende Wirkung“, die ein „Kraftfeld für die Staatsbildung“ erzeugt habe.


Der Präsident des Deutschen Bundestages, Dr. Wolfgang Schäuble, besucht am 12.7.2018 die Ausstellung "Demokratie wagen? Baden 1818-1919" im GLA Karlsruhe.
Interessierter Gast: Der Präsident des Deutschen Bundestages, Dr. Wolfgang Schäuble, besucht die Ausstellung "Demokratie wagen? Baden 1818-1919" im Generallandesarchiv.

Bei einer Führung durch die Ausstellung Demokratie wagen? Baden 1818-1919 mit dem Kurator Dr. Peter Exner zeigte sich der Bundestagspräsident angetan von der aussagekräftigen Überlieferung, die der Präsentation ihr unverwechselbares Profil verleiht.


Bei der Führung durch die Ausstellung "Demokratie wagen? Baden 1818-1919": der Kurator Dr. Peter Exner und der Präsidente des Deutschen Bundestages, Dr. Wolfgang Schäuble, am 12.7.2018 im GLA Karlsruhe.
Beim Gang durch die Ausstellung "Demokratie wagen? Baden 1818-1919": der Kurator Dr. Peter Exner und der Präsident des Deutschen Bundestages, Dr. Wolfgang Schäuble.

Besonders die Exponate zu seinem Wohnort Offenburg, wie die „13 Forderungen des Volkes“ von 1847 oder das Stofftuch, auf das die Forderungen der entschiedenen Verfassungsfreunde vom Folgejahr, aufgedruckt wurden, fanden ebenso das Interesse des Bundestagspräsidenten wie die Ereignisse der Jahre 1918/19, die zur Abdankung des Monarchen, zur republikanischen Verfassung und zum Frauenwahlrecht führten.