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Landesarchiv >> Hauptstaatsarchiv Stuttgart >> Angebote für Schulen und Gruppen >> Schüler ins Archiv >> Unterrichtseinheit zum Ersten Weltkrieg

Unterrichtseinheit zum Ersten Weltkrieg

Titelbild

Didaktische Einleitung

"Du hast Deinem Vaterlande auch ein grosses (sic) Opfer gebracht – stolz kannst Du sein auf Deinen Helden Sohn – er hat seine Pflicht treu erfüllt – ruhig und guten Mutes hat er – unerschrocken der Gefahr bewusst – nicht den Humor verloren – braver Junge!"

So schreibt die Mutter Natascha Varnbühler über den Tod ihres Sohnes Johann Conrad, Leutnant in einer MG-Kompanie an der Westfront, im September 1918 an ihren Mann, den Freiherrn Axel Varnbühler, Bevollmächtigter des württembergischen Königs beim deutschen Kaiser Wilhelm II. Sind es die Zeilen einer vom Kriegsnationalismus verblendeten Mutter? Sind sie Ausdruck einer letzten Realitätsverdrängung einer Mutter, deren drei Söhne im Felde sind, angesichts der sich anbahnenden Niederlage? Sind es tröstende, sinngebende Worte für einen Repräsentanten der alten Ordnung, die im Begriff ist zusammenzubrechen?

So wie dieser Brief wirft auch das Ereignis Erster Weltkrieg bis heute mehr Fragen auf als Antworten gefunden werden können. Warum konnte es dazu kommen, dass das fortschrittliche und aufgeklärte Europa in einem blutigen, von Materialschlachten ungekannten Ausmaßes geprägten Krieg versank? Wie konnten an Front und Heimatfront Kriegsbegeisterung und Unterstützung für den Krieg aufrecht erhalten werden, wenn gleichzeitig die militärische Technik den Menschen zu einem bloßen, austauschbaren Material reduzierte und ihn in Hekatomben von Gefallenen zermalmte?

In seltener Offenheit kritisiert dies der oben genannte Leutnant Varnbühler, wenn er im Sommer 1916, während des Höhepunktes der Materialschlachten, an seine Mutter schreibt: "Durch das natürliche Gewaltmittel, den Krieg, hat man die inneren Verhältnisse sanieren wollen und kann froh sein, wenn wir in einigen Jahrzehnten wieder auf der Höhe anlangen, von der aus sich das kultivierte, hypercivilisierte Europa doch noch als blindwütiges Rindvieh, 1914 in den Abgrund des Verderbens gestürzt hat."

Die Rolle der Kriegsbegeisterung und Propaganda, die umfängliche Technisierung des Krieges, das Leben und Sterben an Front und Heimatfront sowie der Umgang mit der als unverdient empfundenen Niederlage sind deshalb auch zentrale Aspekte des Geschichtsunterrichts zum Thema Erster Weltkrieg in der Mittelstufe. Um aber ein echtes Verständnis für die schwierige Lage der Menschen damals – gefangen zwischen Kriegsnationalismus und Kriegswirklichkeit – bei den SuS schaffen, bedarf es eines authentischen und personifizierten Zugangs, der in der Regel nur über die Arbeit mit archivalischen Dokumenten erfolgen kann. Deshalb liegt der Schwerpunkt des vorliegenden Moduls auf der Arbeit mit zeitgenössischen Dokumenten, die sich alle im Hauptstaatsarchiv Stuttgart finden. Diese Quellenarbeit ist jedoch in eine Unterrichtssequenz von 4 Doppelstunden eingebettet, die eine vorangehende Einführung in die Kriegsursachen sowie eine zusammenfassende und strukturierte Präsentation der Ergebnisse der Quellenarbeit sowie eine Weiterführung an das Kriegsende umfasst.

Für die Erarbeitung können im Folgenden zwei Varianten gewählt werden: Zum einen können die Archivalien, zusammen mit einer Einführung in das Archivwesen, im Hauptstaatsarchiv Stuttgart eingesehen und bearbeitet werden. Die Plastizität und Authentizität der Materialien können so ihre eigene, dem forschend-entdeckenden Lernen zuträgliche Wirkung entfalten. Zum anderen ist aber mit Hilfe dieser Broschüre und der beiliegenden DVD auch eine Quellenarbeit in der Schule möglich, die allerdings um eine Einführung in das Archivwesen von Seiten des Lehrers (vgl. Präsentation auf DVD) ergänzt werden sollte.

Der inhaltliche und didaktische Schwerpunkt des Moduls liegt auf dem komplizierten, sich allmählichen brechenden Verhältnis von Kriegspropaganda und Kriegswirklichkeit und deren Wahrnehmung durch die Zeitgenossen an Front und Heimatfront. Zu diesem Zweck soll zunächst mit Hilfe von Zeitungen – in diesem Fall des nationalkonservativen Schwäbischen Merkurs und der sozialdemokratischen Schwäbischen Tagwacht – untersucht werden, wie umfassend die Kriegsbegeisterung und -zuversicht Anfang August 1914 wirklich war. In einer arbeitsteiligen Gruppenarbeit erarbeiten die SuS dann die Kriegspropaganda anhand von Plakaten zur Bewerbung der Kriegsanleihe, sie lernen den Frontalltag aus der Sicht eines Frontsoldaten in Feldpostbriefen kennen, sie untersuchen Fotos aus den Stellungen in Frankreich und analysieren die zunehmende Mobilisierung der Frauen für den Krieg in der Heimat (Sach- und Methodenkompetenz). Daneben sollen die SuS aber auch jeweils über ihren Quellentypus und dessen Aussagekraft nachdenken und unter übergeordneten Fragestellungen eine Präsentation vorbereiten, die auch beurteilende Elemente enthält (Reflexions- und Methodenkompetenz), insbesondere die Frage, inwieweit Propaganda die Realität verdrängen kann bzw. kategorial gedacht, inwieweit sich der Mensch zwischen diesen beiden Polen mit seiner Wirklichkeits-konstruktion zurechtfinden kann.

Die vertiefte Auseinandersetzung in diesem Archivmodul mit dem Ersten Weltkrieg ist nicht nur mit der 100-jährigen Wiederkehr seines Anfangs 1914 und der damit verbundenen öffentlichen Sensibilisierung dafür zu rechtfertigen. Wichtiger noch ist vor allem die Scharnierfunktion des Krieges zwischen einem imperialistischen Zeitalter, dessen Ende er einläutet, und – als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts – den totalitären Bewegungen, deren spätere Protagonisten er gleichsam formt und prägt. Damit können eben nicht nur die politischen oder wirtschaftlichen Implikationen als so prägend für die erste Nachkriegszeit gelten, sondern besonders auch die kulturell-mentalen Verwerfungen, die der Krieg in allen seinen Erscheinungsformen hervorrief und die auch von SuS besonders gut erfasst und nachvollzogen werden können, wenn sie die Perspektiven einzelner Beteiligter eingenommen haben. Genau dies will das vorliegende Modul leisten.