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Landesarchiv >> Hauptstaatsarchiv Stuttgart >> Digitale Präsentationen >> Virtuelle Ausstellungen >> Lebens-Wandel. Wera Konstantinowna, Großfürstin von Russland, Herzogin von Württemberg (1854-1912)

Lebens-Wandel. Wera Konstantinowna, Großfürstin von Russland, Herzogin von Württemberg (1854-1912)

Virtuelle Ausstellung

Einleitung

Herzogin Wera

Wera Konstantinowna wurde 1854 als drittes Kind des Großfürsten Konstantin von Russland und seiner Frau Alexandra in St. Petersburg geboren. Im Alter von neun Jahren wurde sie von ihren Eltern in die Obhut ihrer kinderlosen Tante, Königin Olga von Württemberg, nach Stuttgart gegeben. Die Königin nahm sich des als schwierig geltenden Kindes vorbehaltlos an und zog Wera wie eine eigene Tochter auf. 1874 heiratete die Großfürstin Herzog Eugen von Württemberg aus der schlesischen Linie. Sehr früh verwitwet – ihr Ehemann verstarb bereits 1877 – ging sie dennoch keine neue Ehe mehr ein. Persönlich anspruchslos, führte Herzogin Wera ein fast bürgerlich anmutendes Leben. Sie widmete sich der Erziehung ihrer beiden im Jahr 1876 geborenen Zwillingtöchter Elsa und Olga und umgab sich mit einem kleinen, kunstsinnigen Freundeskreis. Auch am gesellschaftlichen und kulturellen Leben ihrer Heimatstadt nahm sie regen Anteil.

Dem Beispiel von Königin Olga folgend, engagierte sich die Herzogin stark im karitativen und sozialen Bereich. Besonders lag ihr das Schicksal unverheirateter Mütter und alleinstehender Mädchen am Herzen, für die sie die heute noch existierenden Weraheime als Zufluchtsstätte einrichten ließ. Im russisch-orthodoxen Glauben erzogen, trat Wera in ihren letzten Lebensjahren zur evangelischen Kirche über. Als sie am 11. April 1912 starb, galt sie neben König Wilhelm II. als das beliebteste Mitglied des württembergischen Königshauses.

1. Kindheit und Jugend der Großfürstin Wera

Herzogin Wera
Herzogin Wera im Kostüm (HStAS GU 99 Nr. 1148)

Wera Konstantinowna kam am 16. Februar 1854 als drittes Kind des Großfürsten Konstantin von Russland und seiner Frau Alexandra, geborene Prinzessin von Sachsen-Altenburg, in St. Petersburg auf die Welt. Als Mitglied des Hauses Romanow wuchs sie, zusammen mit vier Brüdern und einer Schwester, in höfischem Glanz und Prunk auf. 1862 wurde Großfürst Konstantin von seinem Bruder, Zar Alexander II., zum Statthalter Russlands in Polen ernannt. Seine Famile, die bis dahin ein unbeschwertes Leben am Zarenhof geführt hatte, kam in ein von schweren Spannungen und Auseinandersetzungen gezeichnetes Land. Kurz nach der Ankunft in Polen wurde ein Attentat auf Großfürst Konstantin verübt, das allerdings scheiterte. Die traumatischen Ereignisse verstärkten möglicherweise bereits vorhandene Verhaltensauffälligkeiten der sensiblen Wera. Daraufhin entschlossen sich ihre Eltern, die Tochter außerhalb des Zarenreichs in die erzieherische Obhut von Verwandten zu geben. Im Dezember 1863 kam Wera nach Württemberg an den Hof ihrer Tante Olga. Königin Olga, deren Ehe mit König Karl kinderlos geblieben war, nahm sich ihrer kleinen Nichte trotz vieler Schwierigkeiten vorbehaltlos an. Im Laufe der Jahre lebte sich die lebhafte und begabte Wera in ihrer neuen Umgebung ein. 1871 adoptieren König Karl und Königin Olga die Nichte auch förmlich.

2. Familienleben – Ehefrau, Witwe, Großmutter

Herzogin Wera
Herzogin Wera mit ihrem Mann Herzog Wilhelm Eugen (HStAS GU 99 Nr. 486)

Eine entscheidende Wende im Leben der Großfürstin Wera bedeutete ihre Heirat mit Herzog Eugen von Württemberg aus der schlesischen Linie im Jahr 1874. Diese Eheschließung war wie die meisten fürstlichen Heiratsverbindungen von politischen Erwägungen bestimmt und sollte vor allem dazu dienen, dem Königreich Württemberg die Protektion des russischen Zaren gegenüber Preußen zu sichern. Dennoch scheint das Eheleben harmonisch und von gegenseitiger Zuneigung geprägt gewesen zu sein. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Der Sohn Karl Eugen, der bereits nach wenigen Monaten starb, sowie die 1876 geborenen Zwillingstöchter Elsa und Olga. Mit dem frühen Tod Herzog Eugens infolge einer verschleppten Erkältung im Jahr 1877 veränderte sich schlagartig das Leben der jungen Wera. Da sie im Gegensatz zu ihrem Mann keinen Anspruch auf den württembergischen Thron hatte, spielte sie am Hof keine führende Rolle mehr. Die unprätentiöse Herzogin scheint hiervon allerdings wenig berührt worden zu sein. Im Gegenteil: Im Schatten der öffentlichen Aufmerksamkeit konnte sie sich umso intensiver ihrem Privatleben widmen, in dessen Zentrum ihre Töchter und später deren Familie mit den Enkelkindern standen.

3. Herzogin Wera und das Königreich Württemberg im späten 19. Jahrhundert

Herzogin Wera
Herzogin Wera in Uniform (HStAS GU 99 Nr. 486)

Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 war für Herzogin Wera wie für viele Deutsche ihrer Generation ein Schlüsselerlebnis. Sie begrüßte die Gründung eines deutschen Staates enthusiastisch. Dass dieser Staat von Preußen dominiert wurde, konnte sie im Gegensatz zu ihrem Adoptiveltern, König Karl und Königin Olga, verschmerzen. Aufgrund ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen – Kaiser Wilhelm I. war ihr Großonkel – begegnete Wera gelegentlich den Repräsentanten des neuen Deutschen Reichs persönlich. Allerdings interessierte sie sich weniger für die Politik der Monarchen als für ihr persönlich-privates Auftreten. In ihrer Weltsicht wies Herzogin Wera durchaus ambivalente Züge auf: Auf der einen Seite war sie offen, ohne Berührungsängste gegenüber der Bevölkerung und auch aufgeschlossen gegenüber Veränderungen, die das von Industrialisierung und Liberalismus geprägte Zeitalter mit sich brachte. Auf der anderen Seite zeigte sie eine starke Verhaftung im aristokratischen Denken. In ihrem mangelden Bewusstsein des gesellschaftlichen Wandels und dem Beharren auf der Weltordnung des Ancien Régime mit der Vorherrschaft des Adels wiegte sich Wera wie so viele ihrer Zeitgenossen in einer trügerischen Sicherheit, deren jähes Ende 1918 sie selbst nicht mehr erlebte.

4. Die späteren Jahre der Herzogin Wera

Herzogin Wera
Herzogin Wera in späteren Jahren

Herzogin Wera pflegte einen relativ bescheidenen, eher großbürgerlichen anmutenden Lebensstil. In den Wintermonaten bewohnte sie einen Flügel in der "Akademie"; im Sommer zog sie in die Villa Berg, die ihr nach dem Tod Königin Olgas als Alleinerbin zufiel. Auch nach dem Tod ihres Mannes verlor das gesellschaftliche Leben für Wera nichts von seiner Faszination; gern zeigte sie sich auf dem Parkett der höfischen Gesellschaft. Ihre Interessen waren breit gefächert. Besonders liebte sie die Welt des Theaters, der Musik und der Literatur und betätigte sich auch selbst als Dichterin. Sehr zugetan war Wera der Natur. Regelmäßige Spaziergänge gehörten in ihren Tagesablauf, und im Sommer verbrachte sie gewöhnlich einige Wochen in der Schweiz. Im russisch-orthodoxen Glauben erzogen, entwickelte Herzogin Wera im Laufe ihres Lebens eine immer engere Bindung an die evangelisch-lutherische Konfession, zu der sie 1990 auch formal übertrat. Sie stiftete die Heilandskirche in Stuttgart-Berg, deren Grundsteinlegung sie aber nicht mehr erlebte.

Im November 1911 erlitt Wera einen Schlaganfall. Trotz langsamer Erholung erlag sie am 11. April 1912 einem akuten Nierenversagen. Trauer und Betroffenheit in der Stuttgarter Bevölkerung waren groß, galt sie doch als die populärste Prinzessin des württembergischen Königshauses.

5. Herzogin Wera als Wohltäterin

Herzogin Wera

In allen Nachrufen auf Herzogin Wera wird ihre Wohltätigkeit als ihr herausragendes Verdienst genannt. Schon früh konnte sie sich am Vorbild ihrer Großtante Königin Katharina von Württemberg und ihrer Tante und Adoptivmutter Königin Olga orientieren, die ebenfalls Herausragendes und Dauerhaftes auf diesem Gebiet geleistet hatten. Wera engagierte sich für Notleidende, Bedürftige und Kranke sowie für die Bildungschancen von Mädchen. Ein besonderes Anliegen war ihr auch das Schicksal unverheirateter Mütter und alleinstehender Mädchen. Soziale und kirchliche Einrichtungen wurden von ihr nicht nur in erheblichem Umfang finanziell unterstützt, sondern ihr persönlicher Einsatz für die von ihr geförderten Institutionen prägte auch den Alltag der Herzogin. So lag ihr die Teilnahme an Weihnachtsfeiern in Kinder- und Waisenheimen sehr am Herzen, bei denen die häufig in Begleitung ihrer Kinder erschien. Auch das Testament der Herzogin dokumentiert eindrücklich ihre karitative Tätigkeit und zeigt, welche Einrichtungen von ihr besonders geschätzt und mit hohen Geldbeträgen bedacht wurden. Dazu zählten die Stiftung "Zufluchtsstätten in Württemberg", die spätere Gemeinschaft "Weraheim", die Zentralleitung des Wohltätigkeitsvereins, die Olgaheilanstalt, die Nikolauspflege, Mariaberg und der Kleinkinder-Rettungsverein.

6. Stuttgart im Wandel – Ansichten 1860 bis 1912

Kronprinzenbau
Stuttgarter Kronprinzenbau (HStAS GU 118 Bü 68)

Das Aussehen Stuttgarts wandelte sich in den Jahren von der Ankunft der russischen Großfürstin, der späteren Herzogin von Württemberg, im Jahr 1863 bis zu ihrem Tod 1912 sehr stark. Die eher behäbige Residenz entwickelte sich in diesen Jahrzehnten zu einer zeitgemäßen modernen Großstadt. Hatte Stuttgart im Jahr 1861 noch rund 63.000 Einwohner, stieg ihre Zahl bis 1914 auf rund 300.000. Durch eine Vielzahl von Eingemeindungen vergrößerte sich auch die Gemarkungsfläche der Stadt von 2980 auf 6520 Hektar. Immer neue Stadtquartiere entstanden, um der wachsenden Bevölkerung angemessenen Wohnraum zu ermöglichen. Innerstädtisch und in den Halbhöhenlagen wurden stattliche Villen errichtet, denen häufig die von dem Architekten Christian Friedrich Leins für das Kronprinzenpaar Karl und Olga erbaute Villa Berg als Vorbild diente. Die arbeitende Bevölkerung siedelte sich eher in der engen, dichtbebauten und sanitär häufig problematischen Altstadt an. Daneben wurden, vor allem auf Initiative des Bankiers und Sozialreformers Eduard Pfeiffer, neue Siedlungen wie Ostheim, Südheim und Westheim geschaffen, die rasch an die anderen Stadtteile angebunden wurden. Das Erscheinungsbild Stuttgarts nahm aber auch durch den Neubau öffentlicher Gebäude, den Auf- und Ausbau des Straßenbahnnetzes und die großzügige Gestaltung von Straßen und Plätzen großstädtische Züge an.