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Landesgeschichte >> Präsentationen und Inventare >> Mittelalter und Frühe Neuzeit (bis ca. 1803/06) >> Musikalische Fragmente

Musikalische Fragmente

Ausstellung des Hauptstaatsarchivs Stuttgart

Musikalische Fragmente

Internetrundgang_Musikalische Fragmente01

Als im Herzogtum Württemberg nach 1534 die Reformation eingeführt und die Klöster aufgehoben wurden, waren auch die alten liturgischen Bücher für den Gottesdienst, für Gebet und Gesang nutzlos geworden. Auch vorher konnten liturgische Gesangbücher aus verschiedenen Gründen unbrauchbar werden, sei es, dass eine modernere Notation eingeführt wurde (die Liniennotation), dass man Melodien umgestaltete oder dass ein überregional verbindlicher Druck in Konkurrenz zur Handschrift trat.

Der wertvolle Beschreibstoff, das beschriftete Pergament, konnte wiederverwendet werden. Zahlreiche liturgische Bücher wurden in ihre einzelnen Blätter zerlegt, makuliert und beschnitten, um sie als günstiges Einbandmaterial wieder zu gebrauchen.

Die Ausstellung nimmt die verschiedenen Entwicklungsstufen dieser Fragmente von der liturgische Handschrift, der Einbandmakulatur bis zum Forschungs- und Restaurierungsobjekt in den Blick und entführt in die Welt klösterlicher Musik im Mittelalter.

Internetrundgang_Musikalische Fragmente 02
Singende Mönche am Notenpult, Detail aus einem Lorcher Chorbuch, 1511, WLB Cod. mus. I 2°63

I. Musik im Kloster

Musik im Kloster – das ist die gesungene Liturgie des Stundengebets und der Messe, der Gregorianische Choral. Es handelt sich also nicht um Musik als eigene Kunstform, über die man frei verfügen kann – jetzt möchte ich diese oder jene Musik hören (und das hieß früher: selbst musizieren, so gut man nur irgend vermag) –, sondern um eine allgemein gültige, im Tagesablauf und im Jahreskreis genau festgelegte Form des Gottesdienstes.

Die Mönche musizieren nicht, sondern vollziehen die Liturgie im Jahreskreislauf, und dabei wechseln Lesung, Gebet und Gesang in genau festgelegter Ordnung einander ab. Dabei stehen die Mönche, wie es in der Regel des heiligen Benedikt heißt, im Angesicht der Engel und sollen die Psalmen so singen, dass unser Herz im Einklang ist mit unserem Wort.

Der Mönch hatte den Choral im ganzen Umfang zu können, und wer beim Anstimmen eines Gesangs, der ihm aufgetragen wurde, einen Fehler machte, der musste bei Abt und Konvent um Verzeihung bitten.

Internetrundgang_Musikalische Fragmente 03
Das Fragment ist ein frühes Zeugnis aus der Region für ein Missale notatum, vielleicht das älteste überhaupt. Um 1000, HStAS J 522 E I Nr. 444

Der Gregorianische Choral

Grundlage des Gottesdienstes sind die festen Texte der Liturgie, die auf drei Arten vorgetragen werden, als Lesung (lectio), als Gebet (oratio) und als Gesang (cantus). Zwei Gottesdienstformen sind zu unterscheiden, die Messe, ursprünglich der Gottesdienst einer Stadtgemeinde unter der Leitung des Bischofs, und das Stundengebet (Officium) einer Klostergemeinschaft. Dieses gliedert sich nach Psalm 118 (119) – zu Mitternacht stehe ich auf, dir zu danken – ich lobe dich des Tages siebenmal – in die Mette (nachts), die Laudes (morgens, möglichst bei Sonnenaufgang), die Kleinen Horen Prim, Terz, Sext und Non, die Vesper (abends) und die Complet vor der Nachtruhe. Die Spannweite des cantus reicht dabei von dem in directum (auf nur einem Ton) zu rezitierenden Psalm in der Complet bis zum ausgreifenden Sologesang des Graduale und des Alleluia in der Messe.

Gesänge für das Messproprium

Die Gesänge des Messpropriums (Introitus, Graduale, Alleluia, Tractus, Offertorium, Communio), die für jede Messfeier spezifisch sind, bilden den ältesten, sakrosankten und unveränderlich zu überliefernden Teil des Gregorianischen Chorals.

Dieses Repertoire wird dem Papst Gregor I. (590–604) zugeschrieben. Er habe, so heißt es in dem gedichteten Prolog zum normativen Gesangbuch, diese Gesänge, deren Worte süß (dicta dulcia) und deren Melodien großartig (modi egregii) seien, zusammengestellt und für die Liturgie des ganzen Kirchenjahres (per circulum anni) geordnet.

Internetrundgang_Musikalische Fragmente 04
Kyriale, frühes 12. Jahrhundert, HStAS J 522 E I Nr. 423

Gesänge für das Messordinarium

Zu den Stücken des Messordinariums (Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Agnus), die in jeder Messe gleich bleiben, wurden vom 10. bis zum 18. Jahrhundert immer wieder neue Melodien komponiert.

Internetrundgang_Musikalische Fragmente 05
Totenmesse, um 1500. HStAS J 522 E III Nr. 473

Gesänge für das Stundengebet

Zum alten Repertoire des Stundengebets wurden im Lauf der Jahrhunderte immer wieder neue Stücke hinzugefügt, sei es, dass neue Feste eingeführt wurden oder der Wunsch aufkam, für bereits bestehende Feste neue Gesänge zu formen. Hierbei kamen verschiedene Kunstmittel zum Einsatz; so hat man oft die Texte in Reimen verfasst.

Memoria - Im Gedenken der Toten

Die Abendmahl- und Eucharistiefeier wurde auch im Gedenken der Toten, zu deren Seelenheil und zur Verehrung der Heiligen und Märtyrer gefeiert. Das Totenoffizium, die Fürbitte für die Verstorbenen, gehörte seit dem 8. Jahrhundert zum Stundengebet der Mönche und Kanoniker. Neben den liturgischen Tagzeiten konnten als Stiftung besondere Seelmessen an Gedenktagen gelesen werden.

Mit zunehmender Zahl der Namen, derer gedacht werden sollte, entwickelten sich Namensverzeichnisse in ganz unterschiedlicher Form. Zu nennen wären hier die Libri Vitae, in denen die Namen der Lebenden und der Toten gesammelt wurden. Gemeint ist damit allerdings weniger eine bestimmte Aufzeichnungsform, sondern vielmehr das "Buch des Lebens" nach biblischem Vorbild, in welchem die von Christus Geretteten aufgenommen werden. Diese Gemeinschaft der Lebenden und Verstorbenen wurde zu einer das Mittelalter bis in die Neuzeit prägenden Form des Gedenkens.

Internetrundgang_Musikalische Fragmente 06
Antiphonale aus Comburg, mit roter F-Linie, frühes 13. Jahrhundert, HStAS J 522 E I Nr. 475

Die Verschriftlichung der Melodie

Die Melodien erlernte man zuerst durch Hören und Nachsingen und musste sie im Gedächtnis bewahren. Um 600 schreibt der Bischof Isidor von Sevilla, der Ton sei ein flüchtiges Phänomen; man könne ihn nicht aufschreiben. Andererseits gab es schon in der Antike Versuche, Melodien schriftlich darzustellen. Zur Aufzeichnung des Chorals kam es, wie die erhaltenen Zeugnisse zeigen, im 9. Jahrhundert und im Frankenreich.

Die ältesten Neumenschriften

Grundlage der Liturgie ist das schriftlich fixierte Wort. Um Liturgie feiern zu können, braucht man Bücher. So kam auch der Choral, der gesungene Teil der Liturgie, zur Verschriftlichung. Die ältesten Aufzeichnungsweisen, viel später Neumen genannt, weist man den beiden berühmten Zentren der Choralpflege, St. Gallen und Metz, zu. Beide Schriftsysteme geben sorgfältig und detailliert Auskunft, wie eine Melodie zu singen sei; welche Töne in ihr aufeinanderfolgen wird jedoch nicht mitgeteilt.

Die Einführung der Notenlinien

Anfang des 11. Jahrhunderts klagte Guido von Arezzo, die Sänger wären mit diesem Lernen überlastet. Man müsse die Melodieverläufe eindeutig aufzeichnen können. Er schlug vor, in alle Gesangbücher eine rote Linie einzuzeichnen, die den Ton f markieren solle (den Ton mit einem Halbton darunter), und dann die Neumen daran auszurichten. 1024 trug er seine Methode dem Papst vor, und dieser behielt, wie Guido stolz berichtet, seine Aufzeichnung so lange in der Hand, bis er eine ihm unbekannte Melodie fehlerfrei abgesungen hatte.

Internetrundgang_Musikalische Fragmente 07
Vier zweistimmige Sätze, 15. Jahrhundert, HStAS J 522 E II Nr. 410

Wenig später kamen weitere Linien im Terzabstand hinzu, und neben f wurde das c (der zweite Ton im System mit einem Halbton darunter) zum Schlüsselbuchstaben. Da die Metzer Neumen eine gewisse vertikale Ausrichtung hatten, wurden sie in das Liniensystem eingepasst. Dabei vergröberten sich im Lauf der Zeit die "Fliegenfüße" zu "Hufnägeln".

Ost- und Westrheinische Choraltraditionen

Grundsätzlich lassen sich zwei Einflusszonen in der Choraltradition unterscheiden, deren Grenze ungefähr der Rhein bildet.

Die ostrheinische (deutsche) Tradition wird in späterer Zeit vor allem mit Metzer Neumen aufgezeichnet, deren Grundform wie ein Rhombus erscheint und die auf Linien gestellt werden; in der westrheinischen Tradition wird die Quadratnotation verwendet. Die Traditionen unterscheiden sich melodisch dadurch, dass in bestimmten Konstellationen im ostrheinischen Bereich eher eine Terz gesungen wird, im westrheinischen Bereich eher ein Halbton.

Mittelalterliche Mehrstimmigkeit

Schon im 9. Jahrhundert wird berichtet, dass man den Choral zur höheren Feierlichkeit mit einem klanglichen „Gewicht“ versehen kann. Jeder Ton wird mit einer Quinte oder einer Quarte „beschwert“, und der Gesang verbreitert sich zu Quint- und Quartparallelen. Die Lehrschrift Musica enchiriadis, in der dieses Verfahren beschrieben wird, war weit verbreitet.

Diese Tradition trat zwar in den Hintergrund, als sich ab 1200 von Paris aus die Kunst einer differenziert auskomponierten Mehrstimmigkeit verbreitete; sie verschwand aber nicht, sondern wurde bis ins 15. Jahrhundert hinein praktiziert. Gelegentlich finden sich Zeugnisse dafür. Ein solches Fragment hat sich in Stuttgart erhalten und wurde jetzt neu entdeckt.

Internetrundgang_Musikalische Fragmente 08
Hirsau, Abbildung eines Flügelaltars, um 1480

II. Choralreformen

Einerseits hat man das alte Repertoire des Chorals sorgfältig tradiert; andererseits wollte man die Tradition immer wieder von tatsächlich eingetretenen oder auch nur vermeintlichen Fehlern reinigen. Bei der Feier der Liturgie stand man in conspectu angelorum (im Angesicht der Engel, so der hl. Benedikt), und da war ein Fehler ein Vergehen gegen die göttliche Ordnung. Fehler in den Gesängen bemerkte man, wenn man den Melodieverlauf nach den Regeln der Musiktheorie überprüfte. Dies war kein intellektuelles Spiel, sondern zwingende Verantwortung.

Nahezu alle bedeutenden Reformäbte des Mittelalters haben sich deshalb um Choralreform und Musiktheorie gekümmert, so etwa Bern von der Reichenau und Wilhelm von Hirsau. Besonders gründlich arbeiteten die Zisterzienser. Die Unstimmigkeiten, die sie in der Überlieferung feststellten, bewogen sie dazu, das gesamte Repertoire nach einheitlichen theoretischen Richtlinien neu zu redigieren. Der neu gefasste Choral ist eine vergleichbar bedeutende Leistung des Ordens wie seine Architektur.

Die Reform in den Klöstern Hirsau und Comburg

Kloster Hirsau

Hirsau war im 11. Jahrhundert ein bedeutendes Reformkloster, und die entscheidende Persönlichkeit war der Abt Wilhelm. 1026 geboren, kam er früh in das Kloster St. Emmeram in Regensburg und wurde dort Schüler des berühmten Gelehrten Othloh. 1062 wechselte er nach Hirsau, um das Kloster St. Aurelius zu reformieren. 1071 wurde er zum Abt geweiht. Sein Mitbruder aus Regensburg Ulrich von Zell (1029–1093), der 1061 in das burgundische Reformkloster Cluny eingetreten war, verschaffte ihm eine Abschrift der dortigen Mönchsregeln, die Wilhelm zum Vorbild seiner eigenen, für Hirsau gültigen Regeln nahm. Er sandte auch Mönche von Hirsau nach Cluny. 1082 begann er mit dem Bau der Kirche St. Peter und Paul, die in seinem Todesjahr 1091 fertiggestellt wurde. Sein Biograf Haymo von Hirsau berichtet: Er war sehr erfahren in der Musica und erhellte viele schwierige Probleme dieser Wissenschaft, die den alten Gelehrten unbekannt waren. Viele Irrtümer, die man in den Gesängen festgestellt hatte, korrigierte er gemäß den Vernunftgründen der Wissenschaft.

Leider gibt es nur wenige Spuren, die auf die Choralpflege in Hirsau selbst hindeuten. Die gewichtigste ist eine Lehrschrift von Wilhelm mit dem Titel Musica, die in fünf Handschriften des 11. und 12. Jahrhunderts ganz oder teilweise überliefert ist. Die Schrift bietet eine neue Begründung der Kirchentonlehre. Da die Bibliothek des Klosters zerstreut wurde, sind keinerlei vollständige Choralhandschriften erhalten. Lediglich vier Überreste von Handschriften sind erhalten, weil sie im 15. und 16. Jahrhundert zu Bucheinbänden verarbeitet wurden.

Kloster Groß-Comburg

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Stift Comburg, Kartenausschnitt, handkolorierte Federzeichnung, um 1570, HStAS N 11 Nr. 33 (jetzt StA Würzburg)

Das Kloster Groß-Comburg wurde 1078 gegründet und die Klosterkirche zehn Jahre später geweiht. Das Kloster geriet bald unter den Einfluss von Hirsau. Der zweite Abt Gunther (nach 1086 – vor 1109) war Mönch in Hirsau unter Abt Wilhelm gewesen, und in der Biographie Wilhelms heißt es, er habe neben Schaffhausen und Petershausen auch die Comburg "wiederhergestellt".

Eine Blütezeit erlebte das Kloster unter dem dritten Abt Hertwig (1109–1149). Er stiftete den großen Radleuchter und das Antependium, beides bedeutende Zeugnisse romanischer Kunst. 1140 feierte König Konrad III. das Weihnachtsfest auf der Comburg. Um diese Zeit wird wohl die repräsentative Zusammenfassung der Messliturgie vorgenommen worden sein.

Im 14. Jahrhundert kam es zu einem raschen Niedergang. Im 15. Jahrhundert verweigerten die Mönche eine Reform, und 1488 wurde das Kloster in ein weltliches Chorherrenstift umgewandelt.

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Die ehemalige Zisterzienserabtei Maulbronn, Kolorierte Federzeichnung von A. Kieser, 1683, Ausschnitt, HStAS H 107/16 Nr. 5 Bl. 7

Die Zisterzienser

Maulbronn

Um 1130 gründeten Zisterziensermönche aus dem Kloster Neuburg im Elsass das Kloster in Eckenweiher bei Vaihingen an der Enz. Doch erst nach der Verlegung des Konvents 1147 in das nahe gelegene Maulbronn konnte sich die Abtei etablieren und entwickeln. Bis zum Ende des Mittelalters hatte das Kloster ein geschlossenes Territorium aufgebaut und war so wohlhabend, dass es die Schulden des elsässischen Klosters Pairis übernehmen konnte und dieses inkorporierte. Der Konvent zählte im 15. Jahrhundert zeitweise über 100 Konventualen.

Auch innerhalb des Zisterzienserordens nahm die Abtei eine bedeutende Stellung ein. Neben Bronnbach waren dem Konvent sechs Frauenklöster unterstellt. Maulbronner Äbte übernahmen besonders im frühen 15. Jahrhundert herausragende Funktionen innerhalb des Ordens. Von der einst bedeutenden Bibliothek des Klosters ist nur wenig überliefert. Neben einem Antiphonar von 1449 finden sich in Stuttgart und Colmar zwei weitere Gradualien, die möglicherweise ebenfalls dem Maulbronner Skriptorium zuzuweisen sind.

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Die Zisterzienserabtei Bebenhausen, Kolorierte Federzeichnung von A. Kieser, 1683, Ausschnitt, HStAS H 107/18 Nr. 52 Bl. 17

Bebenhausen

1185 stiftete der Pfalzgraf Rudolf von Tübingen das Kloster in Bebenhausen. Die Abtei gelangte zu rascher Blüte. Dank einer reichen Ausstattung, bedeutenden Schenkungen und einer konsequenten Erwerbspolitik verfügte die Abtei über umfangreichen Besitz: Von allen Benediktiner- und Zisterzienserklöstern im Bistum Konstanz leistete es die höchsten Steuern und Abgaben.

Nach der Auflösung des Konvents im Zuge der Reformation nach 1534 wurde die einst umfangreiche Bibliothek aufgelöst und zerstört. Doch gelang es, einen Teil des Bestandes zu flüchten, so dass sich heute einige liturgische Handschriften in Colmar und Stuttgart befinden.

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Bootsfahrt des Abtes Stantenat von Salem auf dem Bodensee, UB Heidelberg, Cod. Salem. IX d, Bl. 152r, Ausschnitt

Salem

Das Kloster Salem, durch Guntram von Adelsreute in Salmannsweiler im Linzgau gestiftet, wurde 1137/38 von Zisterziensermönchen aus dem Elsass errichtet. Das rasche Wachstum des Konvents, zahlreiche Tochterklöster und umfangreiche Schenkungen weisen auf das hohe Ansehen und die wirtschaftliche Prosperität der Abtei. Bereits 1142 von den Staufern unter königlichen Schutz gestellt, erlangte es 1487 die Reichsfreiheit.

Mit 16 allein aus dem Spätmittelalter erhaltenen liturgischen Handschriften bietet sich für Salem eine erstaunlich gute Überlieferungslage, worunter etwa das sogenannte "Abtsbrevier" von besonderer Bedeutung ist.

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Rechnungsband des Klosters Bebenhausen, 15. Jahrhundert, HStAS A 303 Bd. 1327

III. Musikalische Fragmente als Einbandmakulatur

Im Lauf der Zeit kamen Choralhandschriften aus verschiedenen Gründen außer Gebrauch. Schlichte Gebrauchsbücher wurden solange geschätzt, wie sie für die Liturgie verwendet wurden.

Bei den alten liturgischen Büchern, die für den Gottesdienst, für Gebet und Gesang, nutzlos geworden waren, bestimmte oft allein das Material über ihre weitere Verwendung: Zahlreiche Bände wurden in ihre einzelnen Blätter zerlegt, makuliert und beschnitten, um sie als günstiges Einbandmaterial wieder zu gebrauchen. Sie dienten als Falzverstärkungen, Spiegel und Einbände. Beschläge wurden eingeschmolzen, Miniaturen herausgeschnitten, und ganze Handschriften sollen bei Klosteraufhebungen als Trittpflaster auf aufgeweichten Wegen gedient haben.

Zerstörung und Wiederverwendung

Aufkommen der Choraldrucke im späten 15. Jahrhundert.

Für Kassationen dieser Art war das Aufkommen der Choraldrucke im späten 15. Jahrhundert von besonderer Bedeutung. Durch sie wurden für größere Gebiete, etwa Diözesen, einheitliche Choralfassungen verbindlich. Das Graduale Constantiense von 1473 war einer der frühesten Choraldrucke. Wurde ein Druck eingeführt, so waren schlagartig sämtliche Handschriften in dem betreffenden Gebiet nutzlos geworden.

Reformation im 16. Jahrhundert

Als im Herzogtum Württemberg nach 1534 durch Herzog Ulrich die Reformation eingeführt, die Klöster aufgehoben und der altgläubige Ritus abgeschafft wurde, wurden auch deren Bibliotheken aufgelöst und zerstört.

Der wertvolle Beschreibstoff, das beschriftete Pergament, freilich konnte wiederverwendet werden, meist als flexibler Einband oder zur Einbandverstärkung für neue Bücher oder Hefte in den Klosterschulen und –verwaltungen.

So dienten beispielsweise als Rechnungseinbände der nun württembergischen Klosterverwaltung in Bebenhausen Mitte des 17. Jahrhunderts unter anderem ein Antiphonar aus dem 15. Jahrhundert, sowie eine Handschrift der Weltchronik des Vinzenz von Beauvais aus dem 13. Jahrhundert. Neben weiteren Fragmenten, die ebenfalls im 17. Jahrhundert als Rechnungseinbände Wiederverwendung fanden, ist ihre Herkunft aus der Bebenhäuser Bibliothek gesichert. Ein Inventar aus dem Jahr 1632 berichtet nämlich davon, dass man in der Bibliothek in einem Kasten zimliche, doch lauter alte, papistische Bücher gefunden habe, die man für gering achte und nicht inventarisieren wolle. Genau diese Bücher wurden offensichtlich bald darauf makuliert und finden sich ab dem Folgejahr 1633 als Umschläge für die angesprochenen Rechnungsbände wiederverwendet.

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Die Herkunft der Fragmente – Eine Spurensuche in alle Richtungen

Klare Zuordnungen dieser Art stellen jedoch eher einen Glücksfall der Überlieferung dar. Zahlreiche Fragmente geben vielmehr trauriges Zeugnis über eine breite Streuung in unterschiedlichste Richtungen. So etwa die musikalischen Fragmente, deren burgundische Choraltradition auf eine westrheinische Herkunft weist, und die sich als Einbandmakulatur in württembergischen Verwaltungsrechnungen etwa des Oberamts Sachsenheim von 1650 oder des Klosters Adelberg von 1585/86 wiederfinden.

Dabei deuten Spuren besonders nach Montbéliard (Mömpelgard), das durch einen geschickten Heiratsvertrag 1397 an Württemberg gekommen war. Auch hier wurden mit der Einführung der Reformation im Jahr 1524 Klöster aufgelöst und deren Bibliotheken zerstört.

Das Musikfragment als Archivgut

Pergament- und Papierfragmente unterschiedlichster Herkunft dienten vor allem im 16. und 17. Jahrhundert zahlreichen Amtsbüchern, insbesondere Zins- und Lagerbüchern sowie Rechnungs- und Protokollbänden, als Einband. Neben Fragmenten liturgischer Handschriften finden sich natürlich auch weitere Texte literarischer Art oder auch aus Philosophie und Naturwissenschaft.

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Natürliche runde Fehlstelle im Pergament (Streiflichtaufnahme)

Zum konservatorischen Umgang

Aus konservatorischen Gründen wurden in Archiven und Bibliotheken bereits seit Jahrzehnten Einbandfragmente abgelöst. Im Hauptstaatsarchiv Stuttgart werden diese abgelösten Einbände im Bestand J 522 verwahrt und beschrieben. Darunter finden sich auch etwa 75 Fragmente aus Musikhandschriften.

Bei einem Großteil der in diesem Bestand verwahrten Fragmente ist die Herkunft nicht mehr festzustellen. Wichtige Hinweise gingen mit der Ablösung der Stücke von der Trägerhandschrift verloren. Nur bei wenigen blieb der Bezug durch alte Aufschriften und Signaturen erhalten.

Für die meisten der hier vorgestellten Fragmente gelang ihre Zuordnung zur einstigen Trägerhandschrift durch detaillierte Untersuchungen. Vermerke auf den Fragmenten, wie Altsignaturen, Titel, Angaben zum Inhalt, Orte oder Jahreszahlen lieferten Ausgangspunkte für die Recherche nach ihrer Provenienz, deren Identifikation dann oft durch Größe und Passform, Art der Bindung, übereinstimmende Schäden und Gebrauchsspuren möglich war.

Zur wissenschaftlichen Bedeutung

Die als Einbandfragmente erhaltenen Liturgica verweisen zunächst auf ihre zentrale Bedeutung gerade für die geistliche Musik und Frömmigkeit vor der Reformation. Sie ermöglichen neue Erkenntnisse zur Liturgie- und Bibliotheksgeschichte der württembergischen Klöster und Stifte, die im Zuge der Reformation aufgelöst und deren Bibliotheken weitgehend zerstört wurden. Gleichzeitig lassen sich die regionalen Befunde in größere räumliche Zusammenhänge einordnen, die für die Erleuchtung der europäischen Musik- und Geistesgeschichte von markanter Bedeutung sind. Um so dringlicher erscheint es, diese Stücke fachgerecht zu verwahren, zu erhalten und der Wissenschaft zugänglich zu machen.

IV. Pergament als Beschreibstoff

Pergament ist einer der ältesten Beschreibstoffe der Menschheit und wurde aus der Haut von Ziegen, Kälbern, Lämmern oder Schafen gewonnen. Die Haut wurde vom Pergamenter spanngetrocknet und ungegerbt verarbeitet. Im trockenen Zustand wurde die Oberfläche mit Schleifmaterialien bearbeitet, um das Pergament für das Schreiben, für den Bucheinband oder für das Bespannen von Trommeln vorzubereiten.

Die Zeilenanfänge und die Initialen wurden häufig farbig und kunstvoll ausgemalt. Die Farbe Rot kehrt in der Farbgestaltung regelmäßig wieder, wobei es sich meist um Zinnober (Quecksilbersulfat) oder Mennige (Bleicarbonat) handelt. Da Pergament wertvoll, aber auch strapazierfähig ist, wurden nicht mehr gebrauchte Pergamente oftmals für Bucheinbände in der zweiten Nutzung wieder verwendet. Als Bucheinbandmaterial unterlagen die hier gezeigten Notenhandschriften einer ungleich höheren Beanspruchung. Gelangen diese Fragmente ins Archiv und zum Restaurator, werden Risse und Fehlstellen geschlossen und eine sachgemäße bestandserhaltende Aufbewahrung bereitgestellt.

Pergamentherstellung

Die Pergamentherstellung hat sich von der Antike bis in die Neuzeit kaum verändert. Pergament wird aus Tierhäuten von Kälbern, Ziegen und Schafen hergestellt. Vor allem Ziegenpergament kann man anhand der Follikel in der Tierhaut erkennen. Als Follikel bezeichnet man die Haarwurzelkanäle, die trotz der aufwändigen Herstellung noch als kleine dunkle Punkte sichtbar sein können.

Für die Pergamentherstellung wird die Tierhaut gesäubert und in einer Kalklauge "geäschert", wodurch sich Ober- und Unterhaut sowie die Haare lösen und die mittlere Hautschicht erhalten wird. Die tierische Haut hat zwei unterschiedliche Seiten, die raue Fleischseite und die eher glatte Haarseite. Die beiden unterschiedlichen Oberflächen bleiben auch im nachfolgenden Bearbeitungsprozess erhalten. Die Haut wird in nassem Zustand über einen Holzblock gelegt. Die Fleischreste und Haare werden mit Messern abgenommen und die Dicke der Tierhaut wird weiter reduziert. Die so vorbereitete Haut wird abschließend gewässert und noch nass in einem Holzrahmen aufgespannt. Die Pergamentherstellung ist nicht zu verwechseln mit den Arbeitsschritten zur Lederfabrikation, obgleich das Ausgangsmaterial in beiden Fällen die Tierhaut ist. Damit ist das eigentliche Pergament geschaffen und wird für das Beschreiben weiter oberflächlich behandelt. Meist im gefeuchteten, aber auch teilweise im trockenen Zustand wird die Oberfläche des Pergaments mit halbmondförmigen Messerklingen aufgeraut und Unebenheiten werden abgeschabt.

Neben Messerklingen werden auch Bimsstein oder Kreide eingesetzt, um eine beschreibfähige Oberfläche zu erhalten. Bei der samtigen Oberfläche, die dadurch erzeugt wird, spricht man von Velours. Das Pergament kann Verletzungen aufweisen, die entweder vom lebenden Tier herrühren oder bei der Präparation verursacht wurden. Entstand ein Riss während der Herstellung oder drohte dieser weiter zu reißen, wurde er mitunter vom Pergamenter selbst genäht.

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Drolerie, "lustige" Ausgestaltung von Buchstaben

Die Schreibstube

Das Schreiben, Malen und Binden von sakralen und profanen Texten geschah überwiegend in der Schreibstube, dem Skriptorium. Der Auftraggeber bestimmte die teilweise kostbare Ausführung der Texte. Als Beschreibstoff diente Pergament, welches auf die gewünschte Größe zugeschnitten wurde. Für die Festlegung der Zeilenhöhe und der Zeilengrenzen, des so genannten Satzspiegels, wurde der Blattrand punktiert. Anhand der Punktierung konnte eine Linierung für den Schreibtext vorgenommen werden. Ein Lineal wurde an diese Punkte angelegt. Die eigentliche Linierung geschah mit einem Griffel, bei dem nur Rillen im Pergament sichtbar wurden. Diese Linierung wird als Blindlinierung bezeichnet. Wurde ein Silberstift eingesetzt erscheint die Linierung als feiner grauer Strich. Besonders die Notenlinien in den Musikalienabschnitten wurden farbig mit schwarzen oder roten Farbmitteln ausgeführt.

Der Skriptor begann meist mit schwarzer Tinte den Text zu schreiben und ließ Felder frei für Rubrizierungen, Initialen und Illuminierungen. Die Rubrizierungen, vom Rubrikator ausgeführt, sind die roten aber auch blauen Satzanfänge.

Der Illuminator war verantwortlich für die bildliche Ausgestaltung des Textes, dies umfasst die so genannten Illuminierungen, die Drollerien und die Initialen. Drolerien sind Ausgestaltungen in Form von lustigen Gesichtern oder Figuren in Verbindung mit einzelnen Buchstaben oder zwischen Textpassagen. Die Initialen stellen die Anfangsbuchstaben eines neuen Textblocks dar und sind teilweise aufwändig farbig gestaltet oder sogar mit Blattgold verziert. Für Korrekturen im Text wurden unter Umständen auf dem Pergament Buchstaben ausgekratzt, wodurch rauere Stellen entstanden.

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Reste einer Verschlusskordel

Musikalienfragment als Einbandmaterial

Pergamente, die nicht direkt als Einband wiederverwendet wurden, dienten oft auch als Makulaturpergament. Wenn beispielsweise für Buchbindearbeiten oder dergleichen kleine Stücke Pergament benötigt wurden, schnitt man diese einfach aus den Randbereichen einer Seite heraus – nicht selten sogar aus dem Satzspiegel. Auch bei der Verwendung als Umschlag wurde der originalen Beschriftung der Pergamente üblicherweise keinerlei Bedeutung geschenkt. Um den Umschlag der Buchgröße anzupassen, wurden die Pergamente oft stark beschnitten.

Die Pergamente wurden häufig großflächig auf den Buchdeckeln verklebt oder direkt auf den Buchblock geheftet. Oft sind Heftlöcher und Schlitze für die Heftbünde zu erkennen. Für den Verschluss wurden Schließenbänder oder Kordeln an die Pergamente angeknüpft.

er Buchtitel wurde quer auf das Pergament geschrieben, oft auch direkt über die Noten. Es lässt sich jedoch vermuten, dass in manchen Fällen die originale Beschriftung der Pergamente vom Buchbinder als ästhetisch wertvoll empfunden und in die Gestaltung des Einbandes miteinbezogen wurde.

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Das Musikalienfragment als Restaurierungsobjekt

Die Pergamentfragmente haben bis zum heutigen Tag verschiedene Funktionen erfüllt: die originale Verwendung als Buchseiten, später als Bucheinbandmaterial und letztlich vom Buch wieder getrennt in einem eigenen Bestand als Archivalie. Dabei haben all diese Verwendungen ihre Spuren in Form von spezifischen Schäden hinterlassen, die der Restaurator erkennen und gegebenenfalls behandeln muss.

Zu den Schäden gehören mechanischer Abrieb der Seiten durch intensive Benutzung des Buchs, was zum Verlust der Schrift führen kann. Aber auch durch unsachgemäße Lagerung kann es zu Schäden kommen. Insekten und anderem Ungeziefer kann Pergament als Nahrung dienen. An einigen Pergamenten sind Fraßspuren von Nagetieren zu erkennen. Ein Beispiel zeigt die Überreste von Insekten in Form von Puppenhüllen oder Exkrementen von Fliegen.

Eine weitere Schadensquelle ist Wasser, das in das Pergament gelangt und zu Verwerfungen und Deformationen führen kann. Zu den Schäden durch Wasser gehört auch die Bildung von Wasserflecken. Da die meisten Mal- und Schreibmittel nicht wasserfest sind, kommt es im Bereich des sogenannten Wasserschadens zum Ausbluten der Tinte oder der Rubrizierungen.

Das Ausbluten der Farbmittel kann zu einem Abklatsch führen, wenn es in direktem Kontakt zur nächsten Seite liegt. Mit dem Wasser können auch Fremdstoffe in das Pergament eingebracht werden, wie z. B. ein Farbstoff von einem Umschlagmaterial.

Neben den aufgezeigten Schadensfällen, die restauratorisch behandelt werden können, liegt ein weiterer Tätigkeitsbereich des Restaurators in der Bestandserhaltung. Hierbei werden Aufbewahrungskonzepte entwickelt, um die Pergamentobjekte vor zukünftiger Schädigung zu schützen.