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Landesgeschichtliche und quellenkundliche Aspekte zur Industrialisierung

Kolloquium der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg und des Archiv- und Kulturamts des Landkreises Rottweil im Rahmen der Heimattage Baden-Württemberg in Schramberg

Tagungsbericht von Nicole Bickhoff

Schramberg

Das Kolloquium, eine Gemeinschaftsveranstaltung von Landesarchivdirektion Baden-Württemberg und Archiv- und Kulturamt des Landkreises Rottweil, wurde eröffnet durch den Oberbürgermeister der Stadt Schramberg, Dr. Herbert O. Zinell, der die etwa 60 Tagungsteilnehmer begrüßte. Archivdirektorin Dr. Nicole Bickhoff, Landesarchivdirektion Baden-Württemberg, führte in die Tagung ein. Mit den archivfachlichen Veranstaltungen, die im Programm der Heimattage inzwischen fest verankert sind, soll neben Fachleuten – in erster Linie Archivare und Historiker – auch ein breiteres, landeskundlich und landesgeschichtlich interessiertes Publikum angesprochen werden. Für die Tagungen werden in der Regel Themen ausgewählt, die einen Bezug haben zu der Region, in welcher der jeweilige Veranstaltungsort liegt. Die Wahl des diesjährigen Themas Industrialisierung lag nahe, da mit der Gründung der Uhrenfabrik durch die Junghans-Dynastie in Schramberg im Jahre 1861 eine Initialzündung für die Industrialisierung der Region ausging. Die Referate sollten einen Einblick geben in neuere Forschungen zur Sozial-, Wirtschafts- und Industriegeschichte dieser Region und Fragen nach den Methoden und Quellen aufwerfen.

Der erste Referent, Prof. Dr. Rainer Loose (Landesarchivdirektion, Abteilung Landesbeschreibung), stellte die Württembergische Sozial- und Entwicklungspolitik am Oberen Neckar in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor. Auf der Grundlage intensiver Archivrecherchen versuchte er einige Fragen zur Frühindustrialisierung der Region zu beantworten wie: Was wurde gefördert? Wer waren die Akteure, und wer waren die Zielgruppen der Förderung? Wie war der Erfolg? Loose stellte fest, dass am Anfang der staatlichen Gewerbeförderung fiskalische Interessen standen. Gefördert wurden unter anderem die Majolikafabrikation, die Pulverherstellung und der Ausbau der Salzgewinnung am Oberen Neckar. Darüber hinaus bot auch die Textilindustrie Chancen zur Beschäftigung. Von staatlicher Seite wurde daneben auch der Versuch unterstützt, die Seidengewinnung in Württemberg zu etablieren. Neben staatlichen Projekten existierten auch kommunale Projekte wie das Schramberger Vorhaben, eine Strohmanufaktur einzurichten. Die Strohmanufaktur wurde 1834 als Armenbeschäftigungsanstalt gegründet; Zielgruppe waren arme Frauen, Kinder und Bettler. In Folge wurde die Strohflechterei in über 30 Gemeinden eingeführt. Aus der Armenbeschäftigungsanstalt entwickelte sich bald ein florierendes Unternehmen; damit kam ihr in den Anfängen der Industrialisierung große Bedeutung zu. Der Referent konnte als Ergebnis seiner Untersuchungen festhalten, dass Staat und Gemeinden Projekte förderten, die von einheimischen Kräften – nicht von Ausländern – getragen wurden und auf heimischen Produkten wie Flachs, Stroh und Holz sowie der neu etablierten Seidengewinnung aufbauten. Als Akteure der Förderung sind Angehörige der lokalen gewerblich-politischen Elite zu identifizieren. Differenziert ist die Frage des Erfolgs zu beantworten; einige Familien der unteren sozialen Schicht kamen durchaus zu ausreichendem Ertrag.

Den Ausführungen schloß sich chronologisch der Vortrag von Gisela Lixfeld (Stadtmuseum Schramberg) über die Industrialisierung im mittleren Schwarzwaldraum an. Unter dem Stichwort Industrialisierung wird vor allem die Uhrenindustrie genannt, deren Vorläufer in Schramberg die Steingutfabrik und die Strohmanufaktur waren. Aber erst die Uhrenindustrie brachte den nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung. Schramberg entwickelte sich zum Zentrum der Uhrenindustrie im mittleren Schwarzwald. Während sich die badischen Uhrenfabriken aus dem Hausgewerbe entwickelten, war die württembergische Uhrenproduktion ohne diese Anbindung. Die Referentin stellte die neben der Firma Junghans existierende zweite große Uhrenfabrik in Schramberg, die Hamburg-Amerikanische Uhrenfabrik (H.A.U.), in den Mittelpunkt ihrer Darstellung. Die Firma wurde 1875 als Landenberger und Lang von Paul Landenberger, dem Schwiegersohn des Firmengründers Erhard Junghans, nach dessen Ausscheiden aus der Firma Junghans gegründet. Aufgrund ungünstiger Startbedingungen – Gründer-Krise, Auszahlung des Mitteilhabers Lang – mußte die Firma wenige Jahre später als Aktiengesellschaft weitergeführt werden. 1883 erfolgte daher die Gründung der Aktiengesellschaft mit Geschäftssitz zunächst in Hamburg unter dem Namen Hamburg-Amerikanische Uhrenfabrik. Produktionsstandort war das Göttelbachtal in Schramberg, Sitz des Unternehmens blieb bis zum Jahr 1901 Hamburg. Mit der sich abzeichnenden Wirtschaftskrise in den 1920er Jahren geriet die H.A.U. zunehmend in Schwierigkeiten, die 1925/26 zu dem Gedanken eines Zusammenschlusses der Schwarzwälder Uhrenfabriken in Schramberg, Schwenningen und Freiburg führte. Die Zusammenschlussbemühungen waren zunächst ohne Erfolg; im Mai 1927 kam es jedoch zu der Bildung einer Interessengemeinschaft der Schramberg Uhrenfabriken mit dem Zweck der Rationalisierung und Vereinfachung der Produktionsbedingungen und der Verbesserung und Verbilligung der Produkte. Aufgrund dieser Entwicklung erfolgte am 1. Juli 1930 die Fusion der Firma H.A.U. mit der Firma Junghans, die danach unter dem Firmennamen Uhrenfabriken Gebrüder Junghans AG firmierte.

Die nachfolgenden Vorträge widmeten sich den Quellen zur Industrialisierung in verschiedenen Archivsparten. Dr. Otto Becker (Staatsarchiv Sigmaringen) gab zunächst einen Überblick über die im Staatsarchiv Sigmaringen verwahrten Quellen zur Industrialisierung. Das Staatsarchiv Sigmaringen verwahrt unter anderem die Überlieferung der unteren Verwaltungsbehörden des 19. und 20. Jahrhunderts in Südwürttemberg. Quellen zur Industrialisierung sind in der Überlieferung der Oberämter ab 1806 zu erwarten; allerdings ist die Überlieferungslage teilweise schlecht. Typische Oberamtsakten, die für die Industriegeschichte herangezogen werden können, sind die Akten zur Konzessionierung von Dampfkesselakten und zur Elektrifizierung. Außerdem sind in der Oberamtsüberlieferung Unterlagen zur Gründung von Fabriken, zu Mühlen, zur Gewerbe- und Wirtschaftsförderung, über Sparkassen, zum Bau von Straßen und Eisenbahn und zur gewerblichen Bildung zu finden. Darüber hinaus verwahrt das Staatsarchiv auch Bestände einzelner Industriebetriebe. Der Referent stellte exemplarisch einige Bestände vor wie Hüttenwerk Lautertal und Hohenzollerische Landesbank AG. Typische Akten, die Aufschluss geben über Handel und Gewerbe einer Region, sind auch die in den Amtsgerichtsbeständen verwahrten Konkurs- und Handelsregisterakten.

Dr. Peter Thaddäus Lang (Stadtarchiv Albstadt-Ebingen) zeigte am Beispiel des Johannes Mauthe (1807-1882), der als Industriepionier schlechthin in Albstadt gelten kann, exemplarisch kommunale Quellen auf, die Informationen enthalten können über die Entwicklung der Industrialisierung. Als typische Quellengattungen, anhand derer sich Industrie- und Gewerbegeschichte nachvollziehen lassen, stellte der Referent die Inventuren und Teilungen, die Feuerversicherungsbücher und Bauschauprotokolle sowie als dritte Quellengattung die Gewerbesteuerkataster vor.

Einen Überblick über die Bestände des Wirtschaftsarchivs Baden-Württemberg gab Anne Hermann (Stiftung Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg). Zwei Drittel der im Wirtschaftsarchiv verwahrten Firmenbestände stammen von Firmen, die in Konkurs gegangen oder stillgelegt worden sind. Überwiegend handelt es sich um Firmen der Wirtschaftszweige Maschinenbau, Textilindustrie und Nahrungs- und Genussmittelindustrie. Von Bedeutung ist das Archiv der Kammgarnspinnerei Merkl in Esslingen, das sich besonders eignet für eine mikrohistorische Studie zur Industrialisierung; unter anderem hat sich das Tagebuch des Firmengründers erhalten. Unter den Maschinenbaufabriken sind die Firma Voith, Heidenheim, und die Schwäbischen Hüttenwerke erwähnenswert. Umfangreiche Bestände liegen auch von Elektrizitätswerken wie den Neckarwerken und der Energieversorgung Schwaben und Baden vor. Die Überlieferung der Firmen ist nach Umfang und Inhalt sehr disparat. Teilweise handelt es auch um so genannte „Schubladenarchive“, das heißt, es hat sich nur ein geringer Teil der ursprünglichen Überlieferung mehr oder weniger zufällig erhalten. Neben diesen Firmenunterlagen verwahrt das Wirtschaftsarchiv die Überlieferung der Industrie- und Handelskammern in Baden-Württemberg, der Handwerkskammern mit ihren Untergruppierungen, des weiteren von Wirtschaftsverbänden und -vereinen, Nachlässe sowie Sammlungsbestände, insbesondere Jahres- und Tagungsberichte. Die Geschichte der Industrialisierung spiegelt sich in allen Beständen wider.

Carsten Kohlmann M.A. (Universität Tübingen) referierte abschließend über Perspektiven einer neuen Unternehmensgeschichte – Fragen und Quellen für eine neue Geschichte der Uhrenfabrik Gebrüder Junghans AG in der Industriestadt Schramberg. Das Firmenarchiv der Uhrenfabrik, das 1961 noch zum 100. Firmenjubiläum genutzt werden konnte, existiert heute nicht mehr. Zum 100jährigen und zum 125jährigen Firmenjubiläum wurden zwar Festschriften vorgelegt, die aber keine fundierten wissenschaftlichen Aufarbeitungen der Firmengeschichte darstellten. Heute liegen nur noch Splitter des ursprünglichen Archivs vor wie Fachbibliothek, Gebäudepläne und Fotoarchiv. Der Totalverlust der übrigen Überlieferung ist sowohl für die Firmengeschichte wie auch darüber hinaus für die baden-württembergische Industriegeschichte ein großer Verlust. Eine neue, wissenschaftlichen Anforderungen genügende Unternehmensgeschichte der Firma Junghans müßte aber beim Unternehmensarchiv ansetzen. Für die verloren gegangenen Firmenunterlagen sind daher verschiedene Quellen als Ersatzüberlieferung heranzuziehen; wichtiges Quellenmaterial insbesondere für die Jahre 1920 bis 1940 bietet das Archiv der Deutschen Bank.

Kohlmann zeigte schlaglichtartig an vier Themenkomplexen – die Firma Junghans im Kaiserreich, in der Weimarer Republik, in der NS-Zeit und in der Nachkriegszeit – auf, welche Aspekte und welche Fragen bei einer kritisch-wissenschaftlichen Unternehmensgeschichte berücksichtigt werden müßten und welche Quellen ausgewertet werden können. Im Kaiserreich war die Firma Junghans in der Rüstungsproduktion für den I. Weltkrieg durch die Produktion von Zündern beteiligt. Die Quellenlage ist allerdings sehr mangelhaft; Ersatzüberlieferung kann hier das Bundesarchiv, Außenstelle Militärarchiv bieten. Für die Weimarer Zeit verwies Kohlmann auf den Streik der Uhrenindustrie im Jahr 1922 . Als Beispiel für die NS-Zeit wählte er die ambivalente Biographie von Helmut Junghans, der über 40 Jahre im Unternehmen tätig und daher für dieses prägend war. Die Firma Junghans war durchaus eine Schlüsselfirma in der NS-Wirtschaft und beschäftige teilweise über 10.000 Personen. An Quellen sind hier vor allem die Entnazifizierungsakten heranzuziehen; außerdem konnten im Sinne der oral history Gespräche mit Familienmitgliedern geführt werden. Die Nachkriegszeit ist durch die Demontage der Produktionsunterlagen nach 1945 gekennzeichnet – ein Thema, das bislang noch nicht behandelt wurde. Die Demontage, bei denen 80 % der Produktionsstätten demontiert wurden, vollzog sich in drei Phasen. Kohlmann konnte aufzeigen, dass trotz des Verlustes des Firmenarchivs eine wissenschaftliche Unternehmensgeschichte grundsätzlich möglich ist. Da die Ermittlung der (Ersatz-)Quellen aber sehr zeitaufwendig ist, kann eine solche nur in einem langfristig angelegten Forschungsprojekt realisiert werden.

An die Vorträge schloß sich eine lebhafte Diskussion an, in der vor allem die Frage der Sicherung von Firmenarchiven aufgegriffen wurde.

Die Vorträge sollen als Veröffentlichung der Landesarchivdirektion 2001 in gedruckter Form publiziert werden.