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Landesgeschichte >> Präsentationen und Inventare >> Mittelalter und Frühe Neuzeit (bis ca. 1803/06) >> Am Vorabend des Bauernkriegs. Ein Schreiben Erzherzog Ferdinands an seine Statthalter und Räte in Stuttgart vom 14. Oktober 1524

Am Vorabend des Bauernkriegs. Ein Schreiben Erzherzog Ferdinands an seine Statthalter und Räte in Stuttgart vom 14. Oktober 1524

Von Robert Kretzschmar

Der nachstehende Text wurde im Rahmen der universitären Übung des Verfassers zum Thema Einführung in die Editionstechnik am Beispiel archivalischer Quellen aus der Zeit des Bauerkriegs, die im Wintersemester 2002/03 im Hauptstaatsarchiv Stuttgart stattfand[1], gemeinsam mit Studenten ediert. Beteiligt waren daran arbeitsteilig Bärbel Bernauer, Katrin Dillmann, Irene Göhler, Johannes Grützmacher, Daniela Hrnciarova, Tobias Jakob, Jens Kolata, Cordula Ressing, Roger Poeltl, Nina Steidler.

Überliefert ist er im einschlägigen Bestand H 54 mit dem Titel “Bauernkrieg” im Hauptstaatsarchiv, der Unterlagen über den Einmarsch Herzog Ulrichs in Württemberg im Jahre 1525 sowie über den Bauernkrieg im Herzogtum Württemberg, im Hegau, in Oberschwaben, um Gaildorf und Ellwangen und im Fränkischen um Heilbronn und Mergentheim enthält. Es handelt sich um einen archivischen Mischbestand, der auf ein schon im 16. Jahrhundert angelegtes “Membrum” (sprich: Glied, Teil) des Archivs der Herzöge von Württemberg zurückgeht, und in den Dokumente ganz unterschiedlicher Provenienz eingegangen sind[3].

Darin finden sich auch immer wieder Unterlagen aus der Korrespondenz Erzherzog Ferdinands von Österreich, der Württemberg von 1522 bis 1534 regierte[4], mit seinen kaiserlichen Statthaltern und Räten in Stuttgart[5]. Sie legen Zeugnis davon ab, wie Ferdinand aus der Ferne auf die Berichte seiner Stuttgarter Beamten sowie der Regierungen in Innsbruck oder Ensisheim über die Aufstände in Südwestdeutschland reagierte.[6] Zugleich sind die Schreiben natürlich auch eine Quelle für das Geschehen selbst.

Dies gilt auch für das hier edierte Schreiben, das Einblicke in die Lage am Vorabend des Bauernkriegs in Südwestdeutschland gibt[7]. Verfasst am 14. Oktober 1524 in Wien[8] als Antwort auf einen Bericht aus Stuttgart vom 6. Oktober[9], überliefert es einerseits Details zu dem sich immer stärker anbahnenden Aufstand, andererseits aber auch getroffenen und in Erwägung gezogenen Maßnahmen der Gegenseite. Eingehend nimmt Ferdinand Bezug auf den Bericht seiner Stuttgarter Beamten und damit vor allem auf die Entwicklung im Hegau, die ihnen zur Sorge Anlass gab, um sodann darauf bezogene Anweisungen zu erteilen[10].

Was war geschehen[11]? Im Hegau, Klettgau und in den benachbarten Gebieten des Südschwarzwalds war es im Oktober 1524 zu Aufständen gekommen, getragen von rund 3500 Mann. Dabei hatten sich verschiedene Gruppen zusammen geschlossen: vom Hochrhein aus Waldshut und Schaffhausen, aus der Herrschaft St. Blasien und aus Villingen, aus der Landgrafschaft Stühlingen bzw. der Grafschaft Lupfen und der Landgrafschaft Baar. Am 2. Oktober 1524 versammelten sich rund 800 Hegauer trotz landesherrlichen Verbots in Hiltzingen beim Hohentwiel bei der dortigen Kirchweihe.

Erzherzog Ferdinand, der erst 22 Jahre alt war, verfolgte die Entwicklung von Innsbruck und Wien aus, ohne sich selbst in Südwestdeuschland zu zeigen. Über Monate gelang es ihm nicht, die lokalen Unruhen in Waldshut und im Hegau zu befrieden und verfügbare Truppen zu ihrer Niederwerfung zu organisieren bzw. das dazu benötigte Geld aufzubringen. Nicht zuletzt dies dürfte die Untertanen auch in anderen Herrschaften, insbesondere in den oberschwäbischen Klosterherrschaften, zum Widerstand ermutigt haben. Der württembergische Statthalter, Truchsess Wilhelm I. d.Ä. von Waldburg-Trauchburg[12], erklärte im April 1525, der ganze Aufruhr der Bauern sei entstanden, weil kein Kriegsvolk verfügbar sei. Trotz viermaliger Bitte habe er beim Erzherzog Ferdinand nichts erreicht[13]. Die Stuttgarter Regierung war über die Entwicklung im Hegau um so alarmierter, als der aus seinem Land vertriebene Herzog Ulrich von Württemberg vom nahen Hohentwiel aus mit den Bauern konspirierte[14].

Erhalten ist das Schreiben Ferdinands als Ausfertigung auf Papier im Umfang von drei ineinander gelegten Foliobögen mit 8 beschriebenen Seiten und mit der eigenhändigen Unterschrift Ferdinands und den üblichen Kanzleivermerken. Das Verschlusssiegel ist abgegangen, die Faltung noch erkennbar. Bei der Schrift handelt es sich um eine “schöne Reinkurrentschrift”, wie sie von der Kanzlei Maximilians I. normiert worden war und für die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts typisch ist[15], eine “regulierte Kursive”[16] in sehr sorgfältiger Ausführung.

Der Empfänger ist auf der Außenadresse angegeben: Den Edlen ersamen gelerten vnsern lieben getrewen Wilhalmen druchsessen freyherrn zu Waltpurg, vnnserm stathalter und regennten, vnd räten vnnsers regiments in dem fürstenthumb Wirtemberg. Aufgesetzt daneben finden sich von anderer Hand in einer Alltagsschrift die Betreffe:

Waldshut vnd lupffisch(e) puren,
Pfalentz zuersuch(en)
Oberist veldhobtman,
Liffergelt vff das kriegsuolck.

Als behändigte Ausfertigung ist das Schreiben an die Empfänger gelangt, bei denen diese Vermerke zur inhaltlichen Orientierung aufnotiert wurden. Weitere Vermerke hat man am Text freilich nicht angebracht; ein Praesentatum fehlt. Jahrzehnte später sah man das Schreiben offensichtlich als ein solch wichtiges Dokument an, dass man es dem herzoglichen Archiv zuwies, wo man es dem einschlägigen Membrum zum Bauernkrieg einverleibte; die Provenienz ist unzweifelhaft württembergisch. Die im Text als Beiliage B angekündigte Kopie ist nicht zusammen mit dem Schreiben überliefert[17].

Mit den in Anmerkung 2 genannten Studentinnen und Studenten wurde das Stück zu Übungszwecken zunächst arbeitsteilig transkribiert und dann für die Edition aufbereitet[18]. Die Editionsrichtlinien waren Gegenstand eingehender Diskussionen. In Anlehnung an die auch heute noch grundlegenden Richtlinien von Schultze[19], zugleich aber auch unter Beachtung anderer Regelwerke[20] und der Praxis in jüngsten kritischen Editionen[21] wurden der Textwiedergabe die folgenden Grundsätzen zugrunde gelegt[22]: Die Groß- und Kleinschreibung wurde normalisiert, indem nur Satzanfänge sowie Orts- und Personennamen groß geschrieben werden. Die Zusammen- und Getrenntschreibung wurde behutsam nach heutigem Gebrauch normalisiert (z.B. vor augen statt voraugen, on verzug statt onverzug, on zweifl statt onzweifl, zu besorgen statt zubesorgen, lifergelt statt lifer gelt). Die Buchstaben i und j wurden, da schwer unterscheidbar, zu i normalisiert, u und v hingegen wie in der Vorlage wiedergegeben. Konsonantenverdoppelungen wurden beibehalten. Da in der Vorlage u mit U-Bogen nicht von ü zu unterscheiden ist, wurde beides konsequent mit u wiedergegeben[23]. Ö ist dagegen markant und als solches wiedergegeben. Als eine Eigenheit der Schrift, die in der Edition unberücksichtigt blieb, ist zu vermerken, dass e mehrfach mit einem übergeschriebenen Bogen erscheint (z.B. bei hoffrete das erste e, bei teg). Der U-Bogen findet sich auch regelmäßig über w (z.B. getrewen, pawrn); auch hier wurde auf die Wiedergabe verzichtet. Die Interpunktion entspricht heutigem Gebrauch; in der Vorlage finden sich zur Trennung von Sinneinheiten sowohl Punkte als auch kleine Querstriche, die jeweils unten in der Zeile mit einer leichten Tendenz hin zur Zeilenmitte gesetzt sind. Um das Lesen zu erleichtern, wurde der fortlaufend ohne Unterbrechung geschriebene Text sinngemäß in Abschnitte gegliedert. Ein Seitenwechsel ist mit der Seitenzahl in eckigen Klammern angezeigt.

Das Original kann hier eingesehen werden.

Im Folgenden ist das Schreiben ediert.

Erzherzog Ferdinand an seinen Statthalter im Fürstentum Württemberg, Truchsess Wilhelm von Waldburg, und seine Räte in Stuttgart

Wien, 14. Okober 1524

HStAS H 54 Bü. 48 Nr. 4; Ausfertigung.

Ferdinand[24] von gots gnaden printz vnd infant in Hispanien, ertzhertzog zu Osterreich, hertzog zu Burgunndien et cetera.

Edln, ersamen, gelerten vnnd lieben getrewen. Wir haben ewr schreiben, vnns am sechsten tag dits monets octobris gethann, seines innhalts nach lenngs vernomen vnnd befinnden daraus, wiewol bis here durch vnnser stathalter vnnd hoffrete der oberösterreichischen lande[25], auch vnnsers regimennts zu Ennsishaim[26], darzue ettlicher herren vnnd vom adel, dergleichen der von Schaffhawsen[27] zuethuen vnnd ablainung der aufruern, so sich mit denen von Waltzhuet[28], auch den lupfischen[29] pawrn zuegetragen vnnd vor augen gewest seinn, allerlay mittl vnnd weg gesuecht, die bemeltn, sonnderlich lupfischen pawrn, wo ainich erbercheit vnnd billicheit bey inen bedacht, von irem furnemmen abzuwennden, so sollen sy doch also das genntzlich zu achten nit on sonndern aufsatz nichtdestmindern auf irem aigen willigen furnemben beharren.

Vnnd wiewol auch jungist durch die gedachten von Schaffhawsen zwischen graf Sigmunden von Lupfen[30] vnnd denselben seinen pawrn irer spenigen artickl halben ain verglaichung vnnd vertrag gemacht, welher durch ir verordennt gewalthaber angenommen vnnd zuegesagt, so sollen doch ettlich ausser inen dauon muetwilliclich widerumben gefallen sein, daraus bey den vmbsessen vnnd vnndterthanen selbiger orten auch aigenwillicheit erwachsen, als dann kurtz
uerschinen teg in ainem dorff Hiltzingen[31] genannt die kirchweich gewesen, darumb aus vilfeltigen angelanngten khundtschafften fursorg gehebt, es möchte ettlicher annder pawrn daselbst ain zusamenkhunnft geschehen, deshalben die grauen, herrn vnnd vomm adl solher orten allen iren vnndthertanen bey eren vnd aiden beuolhen, auf dhain kirchweihin zu ziehen, aber vber solh beuelch ettlich [S. 2] bis in die acht hundert derselben pawrn an dem sonntag der kirchwey[32] in der nacht durch ansleg der sturm zusamen geen Hültzingen[33] seinn khumen vnnd sich daselbst nechteglich sterckhen. So sollen die von Waltzhuet die furgeslagen mittl auch abgeslagen oder
abgeschriben haben, also das sich nichts zu uermuetten ist, wie dann
des allerlay khundtschafft vor augen, dann das vnndter inen allenn
denen von Waldshuet, lupfischen vnnd anndern pawrn yetzt zu Hiltz-
inngen ligennd ain gemainer verstannd vnnd anslag verhandenn,
sy aneinannder nit zu uerlassen.

Darumben sey auch zu besorgen, das mer pawrn aus anndern dörffern inen auch zuefallen vnnd der hawff noch ausserhalb der stuelingischen[34] vnnd denen von der
Baar[35] vnnd dem Wald[36] sich treffennlich meren vnnd der anstand gedachter stuelingischen pawrn, stee wie der woll, als zu uersehen all hauffen ainer werde, vnndter welhem ir an vilfeltiger ansehennlicher vnnd glaublicher warnung befindet, das hertzog Vlrich von Wirtemberg[37] vnnd die seinen mit höchstem vleiss vnnd on vndterlos hanndln, practicirn vnnd arbaitten, solh pawrn vnnd ander zuelauffennd popel inen zu anhanng zu bewegen, wie dann jungstlich bey acht pferdten von Hohentwiel[38] zu denselben pawrn, so gen Hiltzingen ankhumen, abgeritn vnnd allerlay conspiration mit inen gemacht, der zuuersicht, in hilff der selbigen aller ain punndtschuech[39] zumachen, vnnser nechst gelegen stet vnnd fleckhen anzugreiffn
vnnd zubeschedigen vnnd volgennds sich villeicht in das furstenthumb Wirtemberg ewr verwaltung zu dringen.

Wiewol ir nun auf guet ansehen vnnser oberösterreichischen regirungn
den dreyvnndzwaintzigisten tag nechstuerschinens monats septembris drewhundert vnnd ettlich fuesskhnecht, auch bey sechtzig pherdten von der bewilligen anzal der zway tausent knecht [S. 3] vnnd hundert pherdt gen Enngen[40] geschickht, auch darnach ernstlich ersuecht, mit der vbrigen anzal zu erfolgung der summa auch aufzusein vnnd zuezuziehen, so erforder doch die notdurfft aus oberzelten beswerlichen vnnd hochwichtigen vrsachen, euch ausserhalb des alles in weiter russtigung vnnd dermassen zu schikhen, ob obangeregter massen ichts vnndterstannden, das, souil in eyl sein vnnd zu erheben muglich, widerstanndt gethan werde. Des halben ir auch zuuordrist des heiligen reichs stathalter vnnd regimennt – aller diser obligennden sachen bericht – iren rat vnd hilff darinn gesucht, in dem sy sich wilfarlich erpotn vnnd vermerckhen lassen. Darzu so stet ir furter in embsiger vnnd steter ubung bey den haubtlewt des punds zu Swaben[41], die eylenndt hilff, so hieuor hertzog Vlrichs halb geordnet worden, zu erheben, auch neben solhem durch botschafften vnnd schrifften bey phaltzgraf Ludwigen churfursten[42], den jungen phaltzgrauen[43], den von Bairn[44] vnnd anndern fursten, herrn vnnd steten zu ainem eylennden zuezug, ainn geraisigen zeug vnnd ettlich fuesfolgkh zu erlanngen, angesuecht vnnd bey ettlichen guten willen befunnden, von den anndernn ir antwurt gewartund seyt, yedoch gedennckhen ir, das die aigen hilff die trosstlichist vnnd pesst sey, vnnd deshalben ausserhalb der obangezaigten geschickhten anzal in den ambtern des furstenthumb Wirtemberg acht tawsennt gueter fueßkhnecht, die die erbercheit[45] lieb haben vnnd darauf sich zu getrösten ist, lassen wellen vnnd ausziehen.

Vnnd dieweil dann all khundtschafften vnnd anzaigen aneinander vasst gleichformig seinn vnnd in sonnderheit die obbemelten pawrn yetzt zu Hiltzingen ligen, vber ires herrn so ernnstlich vnnd hoch ausgeganngen verpot, vnnd das die vnnsernn ettwas starckh zu Enngen zu ros vnd fuess [S. 4] gelegen, mit der sturmb zusamen gezogen vnnd dhain entsitzen haben, deshalben zu uermuetten vnnd zu besorgen, das sy ainn sondern ruckh haben vnnd ettlicher hilff vertrosst seinn, darumben in albeg nichts zu uerachten, sonnder ganntz von nöten, bey zeitn mit ernnst vnnd tapfercheit, sonnderlich anfanngs hierinn widerstannd ze thuen, umb des willen ewr rat guet ansehen vnd bitt ist, das wir vnns on uerzug zum wenigisten in die grafschafft Tirol, das furstenthumb Wirtemberg oder anndere ort unnser gelegenheit nach nehern, damit den sachen pesserer rat, widerstanndt vnnd hilff geschehen mag. Vnnd neben solhem weg unnd mittl furnemem, dardurch hilf befundenn, vnnd das wir solher muetwilligen leichtferticheiten misfallen tragenn, augenscheinlich gespurt werden mug et cetera.

Auf solh ewr schreiben, vnns nach lenngs gethan, fuegen wir ch hernach volgennder mainung zu anntwort: Am ersten heten wir vns nit versehen, das vber die handlung, so hieuor durch vnnser comissarien, auch die von Schaffhawsen vnnd annderr mit den stuelingischen pawrn gethan, sich ainicher vnrat von inen oder anndern eraugt haben sol, sonnderlich, so die von Waltzhuet kurtz hieuor sich in unnser gnad unnd straff zu begeben merckhen habenn lassen. Dieweil sich aber die prackhtiken vnnd der pawrn leichtfertig vnnd muettwillig sachen vber obangezaigte hanndlung vnnd irer herrn vnnd obern hoch verpot an vil orten ye dermassen freuenlich zuetragen, tragen wir ob ewr hanndlung mit des reichs regimennts, dergleichen ettlichen anndern fursten, herren vnnd stetenn, auch das ir die acht tausennt knecht uber die vorgeschickht anzal ausgezogen unnd annders, so ir hierinn [S. 5] wie obbegriffen gehandlt, genedig gefallen. Nemben auch von euch solhen ewren getrewen vleis, mue vnnd arbeit, vnnd das ir vnns dermassen der sachen aller bericht, zu sonnderm danck an.

Vnd wiewol wir yetzt in vnnsern niderösterreichischen lannden[46] allerlay trefflich sachen, vnnser vnnd der selben vnnser lannde vnnd lewt notdurfft betreffend, ze hanndln furgenomen vnnd angefanngen, die dann nit so bald noch so leicht iren austrag erraichen mugen, yedoch so wellen wir dieselben mit allem vleiß dahin zu richten vnndtersteen vnd versuechen, ob wir auf obangezaigt ewr pitt vnnd guet ansehen vnns in khurtz in die oberösterreichischen lannde nehern möchten.

Damit aber auf solh ewr anzaigen vnnd ermanungen mitler zeit in den oberzellten sachen nichtsdesstminder das ihenig, so die notdurfft eruordert, nit vnndterlassen, sonnder als uil muglich fursehung vnd abwenndung solher aufruren, empörunngen vnnd vngehorsame gethan werde, haben wir vnnserm stathalter vnnd hofrat vnnser oberösterreichischen lannde abermals geschriben vnnd ernnstlich beuolhen, das sy sambt ewrem, auch vnnsers regimennts zu Ennsishaim vnd annder hilff vnnd zuthuen alles des, so nach gelegenhait der leuff vnnd den sachen zu guet furnemen vnnd hanndlen, auch mit gelt aufbringen vnnd in all annder weg, inmassen sy hieuor von vnns auch beuelh gehabt, furfarn sollen, in zuuersicht, sy werden solhen vnnsern ernnstlichen beuelhen also stracks nachkhumen vnnd alles das ihenig, des die notdurfft vnnd gelegenhait eraischen wirt, furzunemen nit vnndterlassen, darinn ir euch auch nit mit wenigerm vleiß, mue vnnd arbeit hilflich, rätlich, diennstlich vnd guetwillig erzaign vnnd die vnnsern, so euch zu uerwalten zuesteen, auch dergleichen zu tun bewegen vnnd vermugen vnnd dermassen, als wir an euch dhainen zweifl tragen, beweisen wellet.

[S. 6] Dann als ir meldet, wiewol ir phaltzgraue Ludwigen churfursten, auch die junngen phaltzgrauen neben anndern fursten, wie obangezaigt, vmb hilff ersuecht, dieweil aber ir liebden mit vnns vnd dem hauß Österreich in erbainigung steen, acht ir von nöten, das im ir liebden durch aigen missiuen nach vermug solher ainigung ermantn, sich mit irer anzal berait ze machen etc. Auf solh ewr anzaigen haben wir ettlich ermanung brief verfertigt, die wir euch sambt ainer abschrifft dauon hieneben zuesennden, die weiter der notdurfft nach wissen zu gebrauchen.

Weiter als ewr guet bedunckhen ist, ain ansechliche tapfere person, so der kriegssachen geubt vnnd verstendig, zu oberstem veldhaubtman in der vorhabennden expedicion furzenemen, darauf schreiben wir dem edlen, vnnserm lieben getrewen Jörgen druchsessen freyherrn zu Waltpurg[47], vnnserm rate, sich solher obristen veldhaubtmanschafft, wo des von nöten, zu beladenn, welhes schreiben wir euch sambt der beyligennden copia – mit B bezaichennt[48] – hiemit zueschickhen, in vngezweifelter zuuersicht, gedachter druchsess werde solh vnnser begern nit abslagen, sonnder sich darinn willfarlich finden lassen vnnd in bedennckhung seines erpietens, in ewrem schreiben begriffen, vnnd das die selb expedicion ime vnnd den seinen auch zu gutem raichen möchte, nit waigern.

Ferrer zaigt ir vnns an, warumben sich geburn welle, das wir vnnser anntzal gelts zu vnndterhaltung oder lifergellt der hieuor bewilligten hunndert pferdt vnnd zway tawsennt fueßknecht ausser anndern orten dann der wirtembergischen camer berait machen vnnd nemblich yetzmals vnuerzuge bis in die zehen tausennt guldin erlegen vnnd ain sonndere person [S. 7] zu ausgab derselben beschaiden, auch neben dem versehen, so die ganntz suma der acht tawsennt knecht vnnd annders zuezugs geschehen muesste, wo alßdann weiter vnnd mer gelt zu erlangen sey vnnd wann solh obangezaigt gelt ankhumen werde, euch auf der posst eilendt berichtn et cetera.

Nun habt ir on zweifl aus vnnserm schreiben, euch bey nechster post gethan, in disem artigkl vnnser mainung vernomen, nemblich das wir vnnserm regiment zu
Ennsisheim beuelh vnnd ordnung gegeben, wo der zug wider die von Waltzhuet furganng haben, welhermassen sy gelt vnd was die notdurfft darzue erfordern wurde, machen vnd bestellen sollen, so haben wir vnnserm stathalter vnnd hoffrat zu Inspruckh vnnd der camer daselbst hieuor auch beuelh gethann, das sy gelt
aufbringen sollen, dauon, wo ain zug beschehe, die notdurfften desselben bestelt vnnd undterhalten, von welhem gelt vnnser geburenndes lifergelt zu vnnderhaltung des bewilligten kriegsfolgkh im furstenthumb Wirtemberg alßdann auch verricht werden möchte. Bey demselben lassen wir es noch beleiben in zuuersicht,
die bemelten vnnser regierungen werden obberurtem vnnserm beuelh nach gelt aufbringen vnnd das lifergelt vnnd anders dauon verricht werdenn. Wo ir aber verstuendet, das die obberurten vnnser regirungen sonnderlich zu Ennsishaim euch zu vnnderhaltung des kriegsfolckh nit zu statten khumen möchten, so ist vnnser beuelh, das ir mit den verordenten der wirtembergischen camer mit vleiss hanndlet vnnd bey inen verfueget, damit sy, wo vnnd wie sy mugen, zu oberrurter notdurfft gelt aufbringen. So wirdet sy der edl vnnser lieber getreuer Gabriel [S. 8] graue zu Ortenburg[49] et cetera, vnnser schatzmaiser general, in kurze dem Fugker[50] widerumben in parem gelt bezallen vnnd wir sy hierinn ganntz on nachtail vnnd schaden halten. Darauf sy sich enntlich verlassen mugen. Wolten wir euch genediger mainung zu antwort nit verhalten, hierinn also in allen dinngen vnnserm genedigen vertrawen nach das pesst zu thuen.

Geben in vnnser stat Wien am vierzehennden tag octobris anno et cetera im 24ten et cetera.
Ferdinandus subscripsit[51]


[1] Die Übung wurde als Blockseminar sowohl an der Universität Tübingen als auch an der Universität Stuttgart angeboten.
[3] Nähere Angaben in der Übersicht über die Bestände des Hauptstaatsarchivs Stuttgart. Sonderbestände. Bearbeitet von Hans-Martin Maurer (Veröffentlichungen der Staatlichen Archivverwaltung Baden-Württermberg 35) Stuttgart 1980. S. 117 f.
[4] Zu Ferdinand sei hier nur verwiesen auf die soeben erschienene Biografie von Alfred Kohler: Ferdinand I. 1503-1564. Fürst, König und Kaiser. München 2003 mit weiter führender Literatur sowie die ebenfalls gerade publizierte Abhandlung von Margit Altfahrt: Ferdinand I. (1503-1564) – Ein Kaiser an der Wende zur Neuzeit (Veröffentlichungen des Wiener Stadt- und Landesarchivs B 67). Wien 2003
[5] Zum Stand des Editionsprojekts zur Korrespondenz Ferdinands siehe Kohler (wie vorige Anm.) S. 24 ff., zur Rolle Württembergs in seiner Politik ebd., S. 152 ff.
[6] Zur Korrespondenz in diesem Kreis vor dem Hintergrund der Ereignisse vgl. auch die Texte bei Franz Ludwig Baumann: Akten zur Geschichte des deutschen Bauernkriegs aus Oberschwaben. Feiburg im Breisgau 1877, bes. S. 4 ff.
[7] HStaS H 54 Bü. 48 Nr. 4; vgl. dazu auch den Ausstellungskatalog von Hans-Martin Maurer: Der Bauernkrieg im deutschen Südwesten. Dokumente – Berichte – Flugschriften – Bilder. [Stuttgart] 1975. S. 22 mit einer kurzen Inhaltsangabe. Eine inhaltliche Wiedergabe findet sich auch bei Joseph Vochezer, Geschichte des fürstlichen Hauses Waldburg in Schwaben, Bd. 2, Kempten 1900, S. 177 f.
[8] Am selben Tag schrieb Ferdinand auch an seinen Bruder, Kaiser Karl V., wobei er ebenfalls auf den Aufruhr in der Stadt Waldshut (vgl. im Folgenden) zu sprechen kam; vgl. Die Korrespondenz Ferdinands I. Bd. 1 (Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs 11) Wien 1912. S. 225 f.
[9] Dieses Schreiben ist in enger Anlehnung an den Text wiedergegeben bei Vochezer (wie Anm. 7) S. 175 ff.
[10] Der erste Teil des Schreibens Ferdinands ist bis in die einzelnen Formulierungen hinein eng an den Bericht vom 6. Oktober angelehnt.
[11] Zum Folgenden vgl. Christoph Friedrich von Stälin, Wirtembergische Geschichte, Bd. 4, Stuttgart 1873, S. 254 ff.; Günther Franz: Der deutsche Bauernkrieg. 10. Aufl. 1975. S. 98 ff.; Hans-Martin Maurer: Der Bauernkrieg als Massenerhebung. Dynamik einer revolutionären Bewegung. In: Bausteine zur geschichtlichen Landeskunde von Baden-Württemberg, Stuttgart 1979, S. 255-295, hier S. 255, 262-265, 269 f.; Horst Buszello, Peter Blickle, Rudolf Endres (Hrsg.), Der deutsche Bauernkrieg. Paderborn u.a. 1984. S. 63 ff., 104 ff.; Elmar L. Kuhn (Hrsg.): Der Bauernkrieg in Oberschwaben. Tübingen 2000. S. 363 ff. Vgl. auch Christian Roder: Villingen und der obere Schwarzwald im Bauernkrieg. In: ZGO 70 (1916) S. 321- 416, zu den Hilzinger Ereignissen bes. S. 329; Wilhelm Stolze: Akten zur Geschichte der Stühlinger Erhebung des Jahres 1524. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 81 (1929) S. 274-295, sowie Karl Hartfelder: Akten zur Geschichte des Bauernkriegs in Süddeutschland. In: ZGO 39 (1885) S. 376-430, bes. S. 377-379, 405-412.
[12] Truchsess Wilhelm I. d. Ä. von Waldburg-Trauchburg (1469-1557) war kaiserlicher Statthalter in Württemberg von 1519-1526; zu ihm vgl. Vochezer (wie Anm. 7) S. 122 ff., Rudolf Rauh, Reichserbtruchseß Wilhelm d.Ä. von Waldburg. In: Schwäbische Heimat 9 (1958) S. 223-229; Ausstellungskatkalog Welt im Umbruch, Augsburg zwischen Renaissance und Barock, Augsburg 1980, Bd. 2, S. 133 f.
[13] HStAS H 54 Bü. 12 Nr. 6; vgl. auch Maurer (wie Anm. 11), S. 265 mit. Anm. 60.
[14] Buszello, Blickle, Endres (wie Anm. 11) S. 66.
[15] Vgl. Heribert Sturm: Unsere Schrift. Einführung in die Entwicklung ihrer Stilformen. Neustadt a.d. Aisch 1961, S. 84; Hellmut Gutzwiller: Die Entwicklung der Schrift in der Neuzeit. In: Archiv für Diplomatik 38 (1992) S. 396 f.
[16] Tamara N. Tacenko: Zur Geschichte der deutschen Kursive im 16. Jahrhundert. In: Archiv für Diplomatik 38 (1992) S. 356-379, hier. S. 360 f.
[17] Vgl. unten Fußnote 49.
[18] Es bleibt freilich zu überprüfen, ob weitere Überlieferungen – vor allem als Konzept oder als Abschrift – in anderen Archiven existieren. Dieser Punkt konnte für den Übungszweck nicht berücksichtigt werden.
[19] Johannes Schultze: Richtlinien für die äußere Textgestaltung bei Herausgabe von Quellen zur neueren deutschen Geschichte. In: Blätter für deutsche Landesgeschichte 98 (1962) S. 1-11.
[20] Vgl. die Zusammenstellung bei Hans Wilhelm Eckardt, Gabriele Stüber und Thomas Trumpp: “Thun kund zu wissen jedermänniglich”. Paläogaphie – Archivalische Textsorten – Aktenkunde (Landschaftsverband Rheinland, Archivhefte 32). Köln 1999. S. 26 ff.
[21] Verglichen wurden insbesondere die sehr an der Vorlage orientierten Editionsrichtlinien von Robert Zagolla, Die “Bebenhäuser Annalen”. Textkritische Untersuchung und Neuedition (Tübinger Bausteine zur Landesgeschichte 2) Leinfelden-Echterdingen 2002, bes. S. 61 ff. Der Trend scheint heute allgemein in eine Richtung zu gehen, bei der weniger normalisiert und eher die buchstabengetreue Wiedergabe favorisiert wird. Eine erneute Problematisierung der Grundsätze für wissenschaftliche Editionen mit dem Ziel der Verständigung auf einen Standard erscheint vor dem Hintergrund der fortgesetzten Diskussion seit Schultze (wie vorige Anm.), aber auch angesichts der durch die neuen Medien sich für die Herausgabe von Texten eröffnenden Möglichkeiten, zugleich aber auch der von ihnen gesetzten Grenzen, sinnvoll. Eine solche Standardisierung wäre auch “benutzerfreundlich”.
[22] Diese stellen dabei einen Konsens dar, der mit durchaus abweichenden Meinungen bei der Mehrzahl der Teilnehmer erzielt wurde. Diesem Konsens hat sich auch der Verf. untergeordnet, der vor allem auch gerne bei u/v nach Lautwert normalisiert hätte. Dagegen wurde seitens der Teilnehmer argumentiert, dass der wechselnde Gebrauch auswertbar sei und seine Wiedergabe im Druck gerade auch Ungeübten das Einlesen in frühneuzeitliche Texte erleichtere.
[23] Eine Ausnahme stellt der Ortsname Hültzingen dar, der einmal als Variante zu Hiltzingen auftritt, da hier der Lautwert eindeutig ist.
[24] Erzherzog Ferdinand von Österreich (1503-1564).
[25] Die “oberösterreichische” Ländergruppe umfasste Tirol und Vorderösterreich. Sitz der oberösterreichischen Regierung war Innsbruck, Tirol.
[26] Ensisheim im Elsaß, Sitz der vorderösterreichischen Regierung.
[27] Schaffhausen in der Schweiz.
[28] Waldshut, Landkreis Waldshut.
[29] Grafschaft Lupfen, benannt nach der abgegangenen Burg bei Talheim, Landkreis Tuttlingen.
[30] Graf Sigmund von Lupfen (gest. 28. Dez. 1524).
[31] Hilzingen, Landkreis Konstanz.
[32] der kirchwey ist (wohl irrtümlich) zweimal geschrieben.
[33] Ebenfalls Hilzingen, Landkreis Konstanz.
[34] Landgrafschaft Stühlingen, benannt nach der Burg Stühlingen, Landkreis Waldshut.
[35] Landgrafschaft Baar.
[36] Schwarzwald.
[37] Herzog Ulrich von Württemberg (1487-1550).
[38] Festung Hohentwiel bei Singen, Landkreis Konstanz.
[39] Bundschuh, nach ihrem Feldzeichen, dem bäuerlichen Bundschuh, benannte lokale Bauernrevolten zwischen 1492 und 1517 in Südwestdeutschland.
[40] Engen, Landkreis Konstanz.
[41] Schwäbischer Bund, Zusammenschluss schwäbischer Reichsstände zur Sicherung des Landfriedens.
[42] Ludwig V., Kurfürst von der Pfalz (regierte 1508-1544).
[43] Gemeint sind die beiden Neuburger Pfalzgrafen Ottheinrich und Philipp, die unter der Vormundschaft Pfalzgraf Friedrichs II. standen. Zur den Pfalzgrafen in dieser Zeit vgl. Meinrad Schaab, Kurpfalz. In: Handbuch der baden-württembergischen Geschichte. Bd. 2. Stuttgart 1995. S. 286 f.
[44] Wilhelm IV. (regierte 1508-1550) und Ludwig X. (regierte 1514-1545), Herzöge von Bayern.
[45] Die so genannte Ehrbarkeit war die führende Schicht in Württemberg.
[46] Die “niederösterreichische” Ländergruppe umfasste das Land unter der Enns, ob der Enns sowie die Steiermark, Kärnten und Krain unter Einschluss der Grafschaft Görz. Regierungssitz war Wien.
[47] Georg III. Truchsess von Waldburg, Feldhauptmann des Schwäbischen Bundes (1488-1531).
[48] Die als Anlage B angekündigte Kopie ist nicht zusammen mit dem vorliegenden Schreiben. überliefert. Die angekündigte Ausfertigung an den Truchsessen war vermutlich als Anlage A beigefügt, ohne dass dies im vorliegenden Schreiben ausdrücklich erwähnt ist.
[49] Gabriel Salamanca, Schatzmeistergeneral Erzherzog Ferdinands. Ferdinand hatte ihn in den Grafenstand erhoben und ihm die Grafschaft Ortenburg verliehen; vgl. Kohler (wie Anm. 4) S. 74.
[50] Jakob II. Fugger, der Reiche (1459-1525).
[51] Eigenhändige Unterschrift.