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Landesarchiv >> Staatsarchiv Ludwigsburg >> Aktuelles der Abteilung >> Pressemitteilungen >> Die Überreste einer "politischen Entlausung" auf tausend Regalmetern

Die Überreste einer "politischen Entlausung" auf tausend Regalmetern

StZ-Serie über die Entnazifizierung in der Region Stuttgart

Von Lukas Jenkner

Stapelweise lagern die Entnazifizierungsakten in den Räumen des Staatsarchivs und warten darauf, bearbeitet zu werden
Repro: factum/Weise.

Im Magazin des Ludwigsburger Staatsarchivs ruhen heikle Akten: die Überreste der Entnazifizierung in der Region Stuttgart. Für viele Menschen sind sie heute die einzige Möglichkeit, etwas über die Rollen ihrer Eltern und Großeltern im Dritten Reich zu erfahren.

Rudolf Palm kann sich noch sehr gut an den Frühsommer 1945 erinnern. Er war sechs Jahre alt und fütterte gerade mit seinem Vater die Hasen, als plötzlich amerikanische Soldaten vor der Tür standen und den Vater mitnahmen. Ernst Palm war während des Dritten Reichs in Weimar, wo die Familie damals lebte, eine bekannte SA-Größe gewesen, seine Verhaftung durch das US-Militär zwangsläufig. Wie viele andere Menschen, die damals von den Amerikanern festgenommen wurden, landete Ernst Palm schließlich im einem Internierungslager in Kornwestheim. Dort musste er sich 1947 für seine NS-Vergangenheit verantworten.

Direkt nach Kriegsende hatte die US-Militärbehörde begonnen, flächendeckend ehemalige Nationalsozialisten zu verhaften und gerichtlich zu verfolgen. Mit dem Gesetz Nr. 104 zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus ging diese "politische Entlausung" (wie Willy Brandt die Entnazifizierung einmal genannt hat) 1946 in deutsche Hände über. Im ganzen Land wurden so genannte Spruchkammern eingerichtet, die über Schuld und Sühne zu befinden hatten. Bis 1948 waren hunderttausende Menschen - vom Ministerpräsidenten Reinhold Maier angefangen bis hin zu kleinen, lokalen NS-Funktionären - davon betroffen. Die Beschuldigten wurden in verschiedene Kategorien eingestuft; sie reichten von "Entlasteter" bis "Hauptschuldiger".

Die Akten, die bei diesen Verfahren entstanden sind, schlummern heute in den Magazinen der Archive. Allein im Ludwigsburger Staatsarchiv, das für Stuttgart und die umliegenden Landkreise zuständig ist, sind es rund 500 000 Akten, verpackt in Ordnern und Kisten. Einen runden Kilometer belegen die alten Papiere in den Regalen. Seit einigen Jahren arbeiten Mitarbeiter des Archivs, zum Teil finanziert mit Zuschüssen der Agentur für Arbeit, den Bestand auf.

Zu hunderten lagern deshalb in den Zimmern des Archivs die Akten in Stapeln auf Wagen, Böden und Tischen. Wer sie genauer betrachtet, sieht sofort, dass es höchste Zeit ist für dieses Herkulesprojekt. Viele der meist von Hand beschriebenen Aktendeckel sind eingerissen, wer eine Akte aufschlägt, dem fallen mitunter sich auflösende Papiere in die Hand. Der Zahn der Zeit hat viele Seiten zernagt. Aus archivalischer Sicht stellen streng genommen sogar Hände ein Problem dar. Die Feuchtigkeit auf der Haut setzt sich ab und greift das Papier an. Verrostete Büroklammern haben sich über die Jahrzehnte in viele Blätter eingefressen.

Die meisten Verfahren im zuge der Entnazifizierung sind schließlich eingestellt worden, Repro: factum/Weise.
Die meisten Verfahren im zuge der Entnazifizierung sind schließlich eingestellt worden, Repro: factum/Weise.

Die Daten sind nur noch wenige Mausklicks entfernt

Die Aushilfskräfte entfernen deshalb tagtäglich Büroklammern und Heftzwecken, ordnen die Dokumente und schlagen sie in neues Papier ein. Vor allem aber werden die Akten mit dem Computer erfasst - Name, Beruf, Geburtsdatum und Wohnort jedes Betroffenen sowie die Signatur seiner Akte fließen in eine stetig wachsende Datenbank. Rund 350 000 Posten sind bereits eingegeben. Die jahrzehntealten Dokumente erfreuen sich eines wachsenden Interesses, sagt Peter Müller, der Direktor des Ludwigsburger Staatsarchivs. Bisher mussten für viele Anfragen Karteikästen durchgeackert werden - wenn etwa nicht mehr bekannt war, wann und wo ein Fall verhandelt worden war. Ist die entsprechende Akte jedoch in der Datenbank erfasst, genügen dafür nun wenige Mausklicks.

Nicht nur Historiker und Heimatforscher nutzen diese Akten, sondern auch Nachfahren der Kriegsgeneration. Diese kommen aus unterschiedlichen Gründen ins Archiv, sagt Müller. Der heute in Esslingen lebende Rudolf Palm etwa liegt schon seit einigen Jahren mit dem Freistaat Thüringen im Clinch, weil er dafür entschädigt werden will, dass seine Familie nach 1945 während der Übergangszeit zur DDR zwangsenteignet worden war. Bei dieser Auseinandersetzung spiele auch die NS-Vergangenheit seines Vaters eine Rolle, sagt Palm. Vor zwei Jahren hat sich der 66-Jährige deshalb die Spruchkammerakte seines Vaters im Ludwigsburger Staatsarchiv angesehen - und nebenbei einiges über dessen Leben erfahren, was er bisher nicht wusste. Denn die NS-Zeit war, wie in Millionen anderen deutschen Familien, auch bei den Palms kein Thema, über das viel gesprochen wurde. Andere kommen genau deshalb ins Archiv. Für viele sind diese Akten inzwischen die einzige Möglichkeit, mehr über die Vergangenheit der Eltern und Großeltern zu erfahren, die nach dem Krieg in erster Linie geschwiegen haben.

Dafür freilich, sagt der Archivdirektor Müller, sind die fraglichen Akten keineswegs unproblematisch. Denn die Spruchkammerverfahren sahen - im Gegensatz zur deutschen Rechtstradition - eine Umkehr der Beweislast vor. Wer sich entsprechenden Vorwürfen ausgesetzt sah, musste möglichst viele Belege dafür bringen, dass er den NS-Staat zumindest nur unwesentlich unterstützt oder besser noch Widerstand geleistet hatte. Die Folge waren die heute berühmt-berüchtigten "Persilscheine", die sich massenweise in den Akten finden. Freunde, Kollegen, Pfarrer, Firmenvertreter und viele andere schrieben Briefe und machten Aussagen, die sich nahezu stereotyp an den Kriterien des Befreiungsgesetzes orientierten. Der Betroffene habe sich politisch nie betätigt, habe den Hitlergruß abgelehnt und sei überhaupt in die NSDAP gezwungen worden. Umgekehrt nutzten manche Zeitgenossen die Spruchkammerverfahren für persönliche Rachefeldzüge gegen ihnen unliebsame Betroffene - so wie viele Nazis zuvor ihre Machtstellung ausgenutzt hatten. Die Ermittler der Spruchkammern hatten da die Spreu haltloser Anschuldigungen vom Weizen fundierter Vorwürfe zu trennen.

Deshalb spiegeln die Akten einen subjektiven Ausschnitt des Geschehens wider. Der Vater von Rudolf Palm etwa wurde seinerzeit als "Mitläufer" eingestuft - obwohl er in Weimar ein bekannter SA-Führer gewesen war und sich sein heute 66-jähriger Nachfahre nach dem Krieg in der Schule als "Sohn vom Palm" manche verbale Spitze anhören musste. Andererseits kann es durchaus sein, dass es, wie Palm sagt, nichts gebe, weshalb er sich für seinen Vater schämen müsste.

Mitarbeiter des Archivs geben die Daten der Akten in den Computer ein, Repro: factum/Weise.
Mitarbeiter des Archivs geben die Daten der Akten in den Computer ein, Repro: factum/Weise.

Aus den Spruchkammern sind Mitläuferfabriken geworden

Der sich verweigernden Bevölkerung standen die strukturellen Probleme der Spruchkammern gegenüber. Oft war es für den zuständigen Befreiungsminister Gottlob Kamm schwierig, überhaupt Menschen zu finden, die zu der allzu bald verhassten Tätigkeit bereit waren. Immer wieder sprangen Mitglieder der Spruchkammern ab oder mussten ausgetauscht werden, weil sich herausstellte, dass sie selbst belastet waren.

Dies geschah vor dem Hintergrund der Not der Nachkriegsjahre. Es fehlte zum Beispiel an Schreibmaschinen und Papier, erzählt Bertold Kamm, der Sohn des Befreiungsministers, in seinem Buch, das er mit dem Nürnberger Historiker und Journalisten Wolfgang Mayer verfasst hat. Im Winter wurde die Heizkohle knapp, Angestellte ließen aus der Not heraus Teile der Büroausstattungen mitgehen, zum Beispiel Glühbirnen. Letzteres wurde mit einem Rundschreiben vom 29. September 1947 mit fristloser Kündigung geahndet - was wiederum hieß, dass personeller Ersatz gefunden werden musste.

All diese Probleme führten dazu, dass heute die Entnazifizierung als gescheitert angesehen werden muss. In der gesamten US-Zone sind laut einer Statistik bis Januar 1949 knapp 74 Prozent der Fälle als "nicht strafbar" eingestuft worden, weitere 19 Prozent kamen in den Genuss einer Amnestie. Von den Personen, über die die Spruchkammern entschieden, wurden mehr als die Hälfte als Mitläufer eingestuft. Lediglich gut 1500 Personen galten als Hauptschuldige im Sinne des Befreiungsgesetzes.

Als letztlich untauglich erwies sich der Versuch des US-Militärs, die Entnazifizierung flächendeckend zu betreiben. Nach den ersten Verhaftungswellen wurden viele Betroffene wieder freigelassen. Als dann im Laufe der Jahre der kalte Krieg immer mehr in den Vordergrund trat, hatte niemand mehr ein Interesse an einer Verfolgung ehemaliger Nazis - mit der in der Öffentlichkeit verheerenden Folge, dass am Ende viele für ihre Verantwortung milder oder gar nicht bestraft wurden, als andere zu Beginn der Entnazifizierung. Der Historiker Lutz Niethammer hat für die Spruchkammern deshalb bereits vor mehr als 20 Jahren eine treffende Bezeichnung gefunden: Mitläuferfabriken.


Der Artikel wurde am 18. Juni 2005 in der Stuttgarter Zeitung veröffentlicht. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der StZ.

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