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Landesarchiv >> Generallandesarchiv Karlsruhe >> Angebote für Schulen und Gruppen >> Archivpädagogik >> 9. Karlsruher Tagung für Archivpädagogik

9. Karlsruher Tagung für Archivpädagogik

Was steht denn da? „Lesen” von alten Handschriften

03.04.2008

Ausschnitt Aktenstück

Unter dem Motto "Was steht den da?" waren rund 100 Interessierte aus ganz Deutschland, Luxemburg und der Schweiz nach Karlsruhe gekommen, um wiederum neue Entwicklungen im Bereich der Archivpädagogik zu diskutieren. Im Mittelpunkt standen diesmal die Integration der Archivpädagogik in die Lehrerausbildung und innovative Wege, das Lesen von Handschriften zu vermitteln.

Von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg konnte Dr. Hans Pöschko über ein mehrfach erfolgreich durchgeführtes Projekt mit Studenten berichten, die im Rahmen der Lehrerausbildung Unterrichtsmodelle für Archivbesuche entwickeln und dieses anschließend mit Schülern in Archiven mit Originalquellen durchführen mussten. Den sich nun langsam einstellenden Erfolg führte Pöschko auch auf entscheidende Verbesserung der Rahmenbedingungen in Baden-Württemberg zurück. Wäre Archivpädagogik in den vergangenen Jahrzehnten für die Studenten reine Kür und damit für die Examensergebnisse unerheblich gewesen, seien in den neuen Prüfungsordnungen bzw. Bildungsplänen seit 2003/2004 die persönlichen Qualifikationen der Schüler und die außerschulischen Lernorte betont worden. Damit würde das Feld "Archiv und Schule" zwar nicht automatisch zum Pflichtkanon, aber "Die Ablösung der Belehrung" und Unterrichtsziele wie Eigenverantwortung, Selbstkontrolle und damit Eigeninitiative der Schüler ließen sich mit der archivischen Quellenarbeit bei Recherche und Ergebnisvermittlung gut erreichen.

Zum Projekt konkret berichtete er von der Skepsis der Referendare, den Schülern im Umgang mit den Quellen Kompetenz zuzutrauen. Regelmäßig sei ein Auswertungsergebnis gewesen, dass das vermutete "Großhindernis" Deutsche Schrift bei Weitem unproblematischer gewesen sei als befürchtet. Im Gegenteil seinen beim Entziffern die Schüler den Referendaren manchmal überlegen gewesen.

Sinnvoll sei, die Bedürfnisse der Schulen zu eruieren, um von Seiten der Archive darauf die passenden Angebote machen zu können. Andererseits wäre es auch von Nutzen, wenn die Archive ihre Angebote ventilieren würden, um die Lehrer auf Ideen zu bringen. Für die Lehrerausbildung schlug Pöschko vor, Studierende die Bestände von Archiven auf solche möglichen Angebote hin durchforsten zu lassen.

In der Diskussion wurde darauf hingewiesen, dass ein archivpädagogisches Angebot an den Pädagogischen Hochschulen deutlich nachhaltiger für die Zusammenarbeit von Schule und Archiv wirken kann, als die von den Archiven mit viel Aufwand zu realisierenden Kontakte zu Schulseminaren in der zweiten Phase der Lehrerausbildung. Sollte es mit Verweis auf die neuen Bildungspläne gelingen, dieses Element in der Lehrerausbildung z. B. an den Pädagogischen Hochschulen Baden-Württembergs flächendeckend zu etablieren, wäre zumindest im Bereich der Grund- und Haupt- sowie der Realschulen das Feld "Archiv und Schule" besser als bisher bestellt.

Roswitha Link vom Stadtarchiv Münster, gleichzeitig Vorsitzende des AK Archivpädagogik und Bildungsarbeit in Verband deutscher Archivarinnen und Archivare, verdeutlichte den Wert von Quellenarbeit und konnte in langjähriger Praxis entwickelte Methoden zur Annäherung an Texte präsentieren. Das Bild vom "Tresors", in dem Wertvolles gesichert wird, ermögliche die erste Annäherung an die Funktion eines Archivs. Die Bedeutung von historischen Dokumenten bei der Findung der eigenen Identität wird dabei in Münster groß geschrieben. Hier beteiligen sich - regelmäßig unterstützt vom Stadtarchiv - überdurchschnittlich viele Schulen am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Zusätzlich bietet die Stadt einen eigenes Angebot "Kulturstrolche". Dabei stand die Herausforderung im Zentrum, auch jungen Schülerinnen und Schülern aus dem Grundschulbereich und Kindern mit Migrationshintergrund den Weg zur Geschichte der neuen Heimat über die Geschichtsquellen zu ebenen und ihnen dadurch ein Zugehörigkeitsgefühl zur kommunalen Gemeinschaft zu eröffnen. Neben der Flankierung solcher Projekte im "offiziellen" Politikgeschehen, z.B. wie durch Termine im Rathaus, mussten einfache Schritte zu den Quellen gefunden werden. Für die Erarbeitung von Transkriptionen mit größeren Gruppen mit jüngeren Kindern stellte Link verschiedene Methoden vor:

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Wenn man sich überlegt, so schloss Link, dass es bei einem Text - selbst bei kmpoltteen Bchusteabnalast - möglich ist, den Sinn zu erfassen, sofern bei den Wörtern nur der Anfangs- und Endbuchstabe richtig sind, sind die Inhalte von Originalquellen doch näher als man denkt.

Mit einem kurzen Rückblick auf die Geschichte der Deutschen Schrift leitete Dr. Clemens Rehm vom Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Fachprogramme und Bildungsarbeit, den Beitrag "Mit Tipps uns Tricks zum Text!" ein. Die so viel genutzte, aus mittelalterlichen Schriften abgeleitete Kursive - umgangssprachlich oft fälschlich als "Sütterlinschrift" bezeichnet - wurde im europäischen Ausland je nach Region zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert durch die Lateinische Schrift abgelöst. Allein in Deutschland grenzte man sich von dieser Entwicklung ab und stilisierte die Deutsche Kursive im 19. Jahrhundert sogar zur "Nationalschrift" hoch. Mit dem Beschluss von 1941 die Lateinische Schrift verbindlich als Schulschrift einzuführen, wurde zwar der Anschluss an das europäische Ausland gewonnen, aber alles vorher Handgeschriebene wurde damit fremd. Das Lernen der Deutschen Schrift ist daher - anders als bei unseren Nachbarn - ein zentraler Schlüssel zur unmittelbaren Vergangenheit. Die Fähigkeit zur Entschlüsselung der Schrift des 19. Jahrhunderts bedeutet daher im Grundsatz, Texte - zeitgenössische Stiländerungen wie barocke Schnörkel einmal unberücksichtig lassend - zurückgehend bis ins 16. Jahrhundert entziffern zu können.

Die ersten Tricks präsentierte Dr. Rainer Hennl, Gymnasiallehrer und Landeskundebeauftragter des Regierungspräsidiums Karlsruhe, Abteilung Schule und Bildung (ehemals Oberschulamt). Er schlug als Weg zum Lesen-Lernen das Schreiben vor: "Lesen durch Schreiben". Das Schauen auf Buchstabentafeln allein sei dem Schreiben von Buchstaben deutlich unterlegen. Beim Schreiben-Lernen käme es darauf an, den Entstehungsprozess von Buchstabenformen eigenhändig nachzuvollziehen. Ziel sei nicht, perfekte Schreiber der Deutschen Kursive herauszubilden; das Schreiben mehrerer Reihen eines Buchstabens reichten in der Regel aus, diesen Buchstaben dann im historischen Text wiederzuerkennen. Hennl entschied sich bei der Wahl der zu lernenden Schrift zwischen der Deutschen Kurrentschrift, der Sütterlin-Schrift und der Offenbacher Schrift (Koch-Hermersdorf-Variante) für die letztere, v.a. weil sie recht einfach zu schreiben ist. Dabei betonte er, dass die Beherrschung der Koch-Hermersdorf-Variante der Offenbacher Schrift das Lesen jeder anderen Kurrentschriften ohne Probleme erlaubt und dass sie auch den Zugang zu den Kanzlei- und Kurrentschriften früherer Jahrhunderte bis hin zur gotischen Kursive des Spätmittelalters eröffnet. Hilfreich sei dabei, nach ähnlich zu schreibenden Formen wie Schlaufen (l, d, g) oder Zacken (m, n, e) zu unterscheiden, wie es Harald Süss in seinem Lehrbuch vorgeschlagen hat (Deutsche Schreibschrift, Lehrbuch und Übungsbuch), und auf Ligaturen (Zusammenschreibungen von Buchstaben) zu achten. Seinen Erfahrungen nach sind Schülerinnen und Schüler der 7./8. Klasse nach 5 Doppel-Stunden in der Lage, sauber geschriebene Texte des 19. Jahrhunderts zu lesen. Vor diesem Hintergrund äußerte Hennl wie Link den Wunsch, dass das Lernen der Deutschen Schrift als Kulturgut unseres Landes wieder Teil des Lehrkanons werden sollte, unabhängig ob das dann im Fach Deutsch, Geschichte oder Kunst angesiedelt würde.

Aus dem konkreten Paläographieunterricht entwickelt, stellte Rehm dann eine neue Buchstabentafel für Kleinbuchstaben vor. Erfahrungsgemäß säßen Jugendliche wie Benutzer vor den Quellen und irrten anfangs hilflos auf den üblichen Buchstabentafeln herum. Dabei kämen in den meisten Fällen nur etwa 5 verschiedene Buchstaben zur Auswahl in Frage. Voraussetzung sei allerdings, dass man sich die Ausdehnung der Buchstaben über die Zeilenhöhe verdeutlichen und entsprechend unterscheiden würde: Es gibt Buchstaben, die über die ganze Zeilenhöhe reichen, die von der Mitte bis zur Oberkante, die von der Mitte bis zu Unterkante und die nur im Mittelband verlaufen; bei der letzten Gruppe sind dabei Vokale und Konsonanten zu unterscheiden. Die Buchstabentafel kann demnächst auf der Internetseite des Landesarchivs Baden-Württemberg heruntergeladen werden.

Den Wünschen nach schulischen Kursen zur Deutschen Schrift wurden in der Diskussion wenig Chancen eingeräumt. Es wurde aber darauf hingewiesen, dass die Lesefähigkeit von Texten der Deutschen Schrift in den letzten Jahren abgenommen habe, da es schlichtweg immer weniger Menschen gäbe, die diese Schrift noch aktiv genutzt haben und z. B. bislang für Kinder und Enkel als Übersetzer gedient hätten. Daher seien innovative Wege zum Lesen nötig und die vorgestellten Varianten zur Textentschlüsselung als willkommene Unterstützung im schulischen wie im archivischen Alltag angesehen.

Auf dem nachmittäglichen "Markt der Möglichkeiten" waren zum einen in Ergänzung zu den Vorträgen vom Vormittag Lernkurse für die Deutsche Schrift aus dem Internet und von CD zum Ausprobieren angeboten, die intensiv genutzt wurden. Zum anderen konnten die Besucher ausgezeichnete Projekte des letzten Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten "Alt und jung in der Geschichte" aus Baden-Württemberg kennen lernen. Die Wettbewerbsteilnehmer stellen ihre Projekte selber vor und standen den Tagungsbesuchern Rede und Antwort. Dabei fügte sich die Arbeit der Bundessiegerin Marion Darilek hervorragend ins Tagungsthema, weil die damalige 12.-Klässlerin anhand einer Schulordnung von 1611 in einer handschriftlichen Fassung von 1728 die Schulgeschichte in Jagsthausen dargestellt hatte. Sie sah die eigenständige, sehr mühsame Übertragung des Textes als wesentliche Basis für ihren unmittelbaren Zugang zur Quelle an.

Eine Bestätigung, dass Grundschüler zur Projektarbeit mit Geschichte herangeführt werden kann (vgl. auch 22. Archivpädagogenkonferenz am 16. und 17. Mai 2008 in Neuss), zeigte eindrucksvoll eine 3. Klasse von der Erwin-Schweizer-Schule in Ottenhöfen. Ihr "Oma-Buch" entstand nach einer Befragung für Großmüttern - die ihrerseits wieder alte Fotos oder Briefe in die Gespräche einbrachten. Dem Charme, mit dem die Grundschüler ihr Projekt vorstellten, konnte sich kaum ein Tagungsteilnehmer entziehen.

Ebenfalls mit relativ jungen Schülern (5. Klasse) wurde in der Erich-Kästner-Schule in Karlsruhe gearbeitet. Hier galt es als besondere Herausforderung, für Schülerinnen und Schüler mit Hör- und Sprachbehinderungen eine adäquate Projektform zu finden. Verschiedene Interviews wurden durchgeführt, Gegenstände zur Illustration der Vergangenheit gesammelt und dies alles als Rohmaterial für einen selbst geschriebenen Film verwendet.

Spannend und eindrucksvoll war zu beobachten, wie Schülerinnen und Schüler der Mannheimer Sickinger-Hauptschule, sich der Alltagsgeschichte in der Mannheimer Innenstadt genähert hatten. Hier eigneten sich Jugendliche - überwiegend mit Migrationshintergrund - die Geschichte des Ortes an, an dem sie nun lebten, und identifizierten sich intensiv mit ihrer Präsentation. Für jedermann wurde die Funktion von lokaler Geschichte als identitätsstiftendem Merkmal spürbar.

Wie sich erfreulich schnell Traditionen bilden können, zeigten die Teilnehmer der Christiane-Herzog-Realschule in Nagold. Nach einer erfolgreichen Beteiligung am Wettbewerb des Bundespräsidenten zwei Jahre zuvor, waren nun schon drei Gruppen dieser Schule unter den Preisträgern. Die dabei gewählten Themen "Sex & Crime - Kindsmord und Illegitimität im Nordschwarzwald", "'Ganz normale Schwaben' - Jüdische Kindheit zwischen Schwarzwald und schwäbischer Alb" sowie "Von der Prügelstrafe zur Strafarbeit" und die tiefgehenden Auswertungen zeigten zugleich in erfreulicher Weise die Bandbreite zu den denen Schüler zu arbeiten in der Lage sind - und dass der Anspruch des Wettbewerbs auch forschendes Lernen zu fördern, anspruchsvoll eingelöst werden kann.

Ebenfalls zum wiederholten Mal konnte sich eine Gruppe des Bismarckgymnasiums in Karlsruhe unter die Preisträger rechnen: "'Neue Gedanken zum Ziel führen' - Ein Blick auf die Jugend nach den Weltkriegen in Karlsruhe". Bei Projekten mit Teilnehmern aus Abschlussklassen - wie es auch hier der Fall war - stellt sich die Frage, in welcher Form die Ergebnisse nachhaltig für die Arbeit der betreffenden Schule aber auch von allgemein Interessierten genutzt werden können.

Verhindert waren Gruppen vom Gymnasium in der Taus, Backnang und vom Gymnasium Achern, deren prämierte Wettbewerbsarbeiten über Halbstarke und Musik als Teil jugendlicher Lebenskultur aber wenigstens präsentiert werden konnten.

So bot der Markt der Möglichkeiten, bei dem auch die Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte in Rastatt, eine Außenstelle des Bundesarchivs, ihr neues pädagogisches Konzept vorstellen konnte, wieder einmal eine vielfältige, eindrucksvolle Werkschau archivpädagogischer und historischer Schülerprojekte. Allseits positiv wurde empfunden, dass neben Arbeiten von Gymnasiasten der Klassen 11-13 zunehmend Projekte von Grund-, Haupt- und Realschulen und Arbeiten von Jüngeren vorgestellt wurden. Das entspricht aber einem allgemeinen Trend, denn beim Wettbewerb "Jung und Alt" war in Baden-Württemberg der Anteil unter 12-jährigen Teilnehmer auf 20% gestiegen.

Im nächsten Jahr wird die dann 10. Karlsruher Tagung für Archivpädagogik vermutlich in der zweiten Märzhälfte 2009 stattfinden - eine Chance, Bilanz zu ziehen und Pflöcke für die weitere Arbeit einzuschlagen. Ideen gehen für die Zusammenarbeit von Archiv und Schule sicher nicht aus!